Dienstag, 15. Dezember 2015

Lyrik (VII)

Blick rüber

Trump-Faschismus, Wahn, Gummizelle /
Stars and Stripes, wo sind Deine Pfleger?
Ein imperialistisches Monster, dumm, 
verrückt, fratzenhaft, laut und besinnungslos.

Bubble-Gum-Genuschel, Cowboyboots, Haargel,
Medikamente, Arbeitssucht, Autos, TV,
Trailerpark, Suburbs, Methadon, Kreditkartenschulden,
Trendsetter, Bodybuilder, Superstars, zahnlose Rednecks.

Pick-Ups, Coffee to go, Deli, Luftgewehre,
obszöne Aquarelle, Adipositas, Elefantiasis, Burger, 
Fritten, Diet Coke, Skyscraper, Bomben, Flugzeugträger.
'Good night, Bonzo' hieß Reagans opus magnum. 

Whiskey, Bush, Texas, Gewalt, Porno, Gewaltporno - - 
Silikon, Sirup und Pancakes, puritanische Härte, 
Winners and Losers, Körperkult und Modewüste /
Trumps Haare sind echt, seine Krawatten schimmern schön.

Montag, 14. Dezember 2015

Lyrik (VI)

Obergrenze

Christlich-Demokratischer Ausländerhass - 
"die Mitte der Gesellschaft" ist das.
Teil dieser Mitte will ich nicht sein, 
die bei einem Mischverhältnis von 1:80
bereits die multikulturelle Apokalypse sieht.

Weiße Mittfünfziger mit schwarzen Anzügen
lieben Bier, Waffen und Gartenzwerge.
Sie wollen ihre Ruhe und unter ihresgleichen bleiben,
arme Araber stören das angestrengt gepflegte Spießerglück.

Ihre Arbeit hassen sie, sich selbst verachten sie,
aber statt Therapie steht ihnen der Arabermohr zur Verfügung,
auf den sie ihren Selbsthass projezieren / Verständnis schlägt 
ihnen medial entgegen, die rechtskonservative deutsche
Meinungselite heftet ihnen den honorigen Titel "Besorgter Büger" ans Revers, dabei sind sie gewöhnliche Fremdenfeinde.

Auf 80 Deutsche kommt 1 Flüchtling.
Der deutsche Michel dreht am Rad, er fürchtet sich. 
Er mobilisiert, er schwenkt Fahnen und Plakate und 
zündet hier und da ein Asylantenheim an. Mit dieser Willkommenskultur ist er der Stolz Europas. 

Deutschland beglückt mit seinem Wesen wieder die Welt.
Sklavenmoral, Schiss vor dem Vorgesetzten, unbezahlte
Überstunden, verkniffen und verbissen, hasserfüllt und
adipös, mit Schaum vor dem Mund, braucht er Feindbilder.
Er rafft seinen dünnen Wohlstand an sich, erschuftet durch Niedriglöhne und Leiharbeit, und statt der Parallelgesellschaft der Reichen und Superreichen ans Bein zu pinkeln, will er Kriegsflüchtlingen an den Kragen. 

 
 

Freitag, 11. Dezember 2015

Kriegsidiotie

Gestern hat die Idiotie von neuem begonnen. Tornados hoben ab, Richtung Türkei, in ein neues Abenteuer. Eineinhalb Jahrzehnte, nachdem unfähige Politiker Soldaten nach Afghanistan schickten und sterben ließen, schicken ebenso unfähige Politiker Soldaten nach Syrien; ein planloses Unterfangen, das beklommen macht. Die deutsche Regierung beteiligt sich am französisch-angelsächsischen Imperialismus, an einem Kolonialismus aus der Luft, der immer gescheitert ist und immer scheitern wird. Hunderte Dummköpfe haben im Reichstag für diese Idiotie gestimmt, und werden in zehn Jahren bellen: "Wir konnten es nicht besser wissen." Doch, Ihr hättet es besser wissen müssen. Ein willkürlicher Blick in ein Buch der neuesten Geschichte hätte Euch Aufschluss darüber gegeben, dass Bomben auf ein fremdes Land stets das Gegenteil dessen bewirken, was man geplant hat. Sind die Abgeordneten tatsächlich so geschichtsvergessen, so ignorant, oder hat die mächtige Militärindustrie einfach zu gut gezahlt?

Die Deutschen können es nicht lassen. Wie dumme Söldner marschieren sie an der Seite der Franzosen, deren Geisteszustand in diesen Tagen hysterisch ist. Wie imperialistisch die französischen Eliten noch immer denken, hat man zuletzt beim Einsatz in Mali gesehen, wo Hollande den starken Mann geben durfte. Die afrikanischen Kolonien sind die letzte Zuflucht des innenpolitischen Versagers Hollande. So gaben ihm die Anschläge in Paris die Möglichkeit, an die nationale Einheit zu appellieren und seinen großen Krieg vorzubereiten. Und Steinmeier, Merkel und Flinten-Uschi trotten hinterher. 

"Freuen" wir uns auf die nächste Runde islamistischer Mordbrenner, die, mit Ankündigung, ein, zwei Jahre nach Abzug der Koalition in Kleinasien marodieren wird. Ob diese sich dann wieder IS oder Daech nennen, spielt keine Rolle. Sie werden wiederkommen, stärker und geeinter als je zuvor, und die Herrren und Damen Abgeordnete, diese Trottel, dann mit fetter Pension im Eigenheim in der Provinz sitzend, werden sagen, sie hätten doch alles getan, niemand habe das kommen sehen.  

 

 
Lyrik (V)

Trakl-Nebel

Sehniger Tran, wüstes Glück /
beugt Euch, buckelt, bückt
den Hals, so dass der Schlächter
erkennt, wo sein Säbel niedergehen soll - - - 

Noch Puls? Im Niedergang erkennt man 
den Kern des Charakters, sagt man. 
Wenn es schlecht läuft, sieht man, 
wer Rückgrat hat. Und wer nicht. ///

Verschwitzte Kumpanei, steriles Abklopfen:
Zeitgeistige Idiotie. Unter der Sonne des
Profitstrebens darf es keine hellen Köpfe geben.
Wer sich auflehnt, wird effizient eingeebnet.

Sehniger Schwan, blauer Teich, sonniger Platz ///
ein heller, schöner Wintertag.
Blumen im Revers, Melone auf dem Kopf, Spazierstock,
eine Idylle wie im Heimatfilm.

Vom Penthaus zur Dachstube sind es nur ein paar Meter.

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Lyrik (IV)

Imre

Komisch, diese Nabelschnur 
die Imre vom Leben trennt.
Ein zartes Band, blutverschmiert //
echsenhaft.

Hymnen, die aus Wäldern schallen - 
gesungen von Jungfrauen in wallenden, weißen Kleidern
- - dringen in mein Ohr und hallen
noch lange fort. Ich schwebe, mystisch 

wie Meister Eckhardt. Rußbedecktes Tal,
rauchende Kamine, Gartenzwerge, lebendiges
Treiben, tautrübes, taumelndes Volk, 
putzmunter, emsig, fleißig, bienenhaft und
selbstzufrieden schrubbt und putzt und tut es.

Den Christbaum erträgt man nur mit Schnaps /
immer runter damit, es muss schön brennen.
Lass mich vergessen allen Kummer, 
rumänische Pflaumen sind die reifsten, die besten.
Selbstverschuldete Unmündigkeit, schön gesagt...

Neuronen diktieren meine Gunst / ein freier Wille
lacht mich aus. Alle Wege sind verstopft, nur 
einer liegt offen vor mir. DER Weg ist es.
Kanonenfutter, Windmühlen, Räucherstäbchen /
Esoterischer Dunst, letzte Zuflucht des Versagers.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Lyrik (III)

Apostolische Wildsau

Wer kennt die Namen?
Wer tanzt den Tanz?
Wer trümmert den Bierkrug
auf den Unscheinbaren?

Blutige Wurst, blutige Wulst,
ein Rebhuhn, ein Schießgewehr,
dunstige Luft, grüner Wald,
ein Förster penetriert ein Kalb.

Federschmuck, Zederholz, die
Erde ist längst verblutet ///
Zivilisation ist ein Feigenblatt
--- darunter brodelt die Hölle.

Mordlust, Mordslust, lass uns
alle an den Händen nehmen, 
der Hippie-Traum ist nicht 
verloren. - - 

Weiße Kleider, helles Licht,
lange Tafeln, Silberbesteck, 
eine kleine Kapelle auf dem 
Hügel, Gott hat sich gezeigt.

Dann wieder: morbide Last,
Schaum vorm Munde, es 
tröpfelt der Regen der Reinheit.
Und wir alle lassen uns gehen.

Tief im Graben versinken wir,
lassen uns totschießen, zuschütten,
um in einer anderen Welt fortzuträumen
und immer wieder anzukommen.  
Lyrik (II)

Schwarzes Nichts

Im finstersten Winkel der Seele
nisten schwarze Raben mit 
gelben Schnäbeln, aus denen
Blut rinnt, kaltes, dunkelrotes,
fast schwarzes Blut. 

Kein Krähen, kein Krächzen
hört man aus ihrem Schnabel - - 
nur ein starrer, leerer Blick 
aus ihren pechschwarzen
Rabenaugen, ins Leere.

Totale, fürchterliche Finsternis
umgibt uns und die Raben.
Tote Seelen greifen uns an - - 
sie eitern in unseren Körpern
und klagen grundlos an.

Nebelgrauer Dunst liegt auf
den Herzen der Lebendigen.
Nur die Toten sind /
nur das tiefschwarze Öl, nur 
im Pech erstirbt das Wahre.

Montag, 7. Dezember 2015

Lyrik (I)
Wer kennt den Exit?

Himmlers kleine Ohren, 
Merkels Ehekrach
subsumiert man 
unter ferner liefen.

Kleingeistige Fracht aus Übersee,
feingliedriger Flüchtlingstrekk;
über Ungarn reinspaziert, ausgemergelt,
mit traurigen Augen, rußigen Gliedmaßen.

Empfangen vom arbeitenden Michel,
industriell verbrämt, protestantische
Sklavenmoral als überlegen ausgebend;
Araber als Verfügungsmasse, als 
Menschenmaterial betrachtend.

Maschinen, Schlote, Schlosser, KfZ,
Deutschland, Du seelenloses Land.
Deine Leistungsträger sind leblose
Zombies, Worthülsen, Managerseminare,
Stacheldraht, Psycho-Druck, Kaffee-
Vollautomat, Tabletten, Herzinfarkt.

Wer möchte, darf in der Tretmühle fristen;
wer nicht möchte, muss in der Tretmühle
absitzen, ausgeblutet, dumm gemacht,
darf Fahnen schwenken, Fußball schauen,
Bier trinken, die Hand zum Seehofer-Gruß
emporheben.

Lützower Freikorps, hätte doch Napoleon
gesiegt. Der fette Hering Bismarck 
schüttete Württembers letzte Hoffnung 
auf Souveränität zu wie Schutt ein großes
Loch. Der preußische Adler hat schon 1871 
den Süden so vergewaltigt, wie es die Berliner
Republik heute tut.

Pullover, H-Milch, Elektronik, Technik-Nick,
Rollenklischees, Kaufrausch, Ego-Wahn,
hier kauft man tütenweise Primark-Ramsch,
dort spülen die Wellen ein Kleinkind an den Strand.
Wer kennt den EXIT?

Donnerstag, 11. Juni 2015

Über Verbaldurchfall

"They press a button and some old lady's diarrhea comes out", dichtete Louis C.K., der beste Komiker der Gegenwart, vor einigen Jahren über den Kaffee, den man Starbucks bekommt. 

Diarrhöe, Dünpfiff, Durchfall nennt man es auf Deutsch. Durchfall ist die Steigerung der Kacke, des Schisses: Ein Abfallprodukt in extremo. Weite Verbreitung in Deutschland findet traditionell die Verbaldiarrhöe. Dieses Abfallprodukt riecht weniger streng als das Original, zieht mitunter jedoch schlimmere Konsequenzen nach sich.

Verbaldurchfall: Wie Lava sprudelt er heute Abend aus Thomas Goppel (CSU) heraus, der mit straff sitzendem Tab-Kragen auf Anne Wills brauner Couch Platz genommen hat. Er redet vordergründig über Grundgesetz, Instanzen, Traditionen. Aus dem Subtext kräht es: Schwule finde ich, Goppel, doof. Sagen will ich's aber nicht. Die Argumentation hört man selbst von "aufgeklärten" Mitbürgern nicht selten. So ist der deutsche Michel eben. 

Was mich zum besten Komiker aller Zeiten, George Carlin, bringt. 
Der brachte seine Misanthropie einmal so auf den Punkt: "I like people. But I like them in short bursts. One you get past minute, minute and a half, I have to get the fuck out of there." Dem ist nichts hinzuzufügen. Besonders nicht an Abenden, an denen man CSU-Politikern zugehört hat.

Donnerstag, 28. Mai 2015

Emmanuel Todd: Schon 2002 ein Prophet

Buchrezension:
Emmanuel Todd: Weltmacht USA, Piper, 2003.

Emmanuel Todd veröffentlichte sein Buch 2002. Rückblickend erstaunt die Präzision, mit der er damals viele Dinge vorausgesehen hat, die heute eingetreten sind. So etwa die Rückkehr Russlands auf die weltpolitische Bühne oder die zunehmende Radikalisierung der amerikanischen Gesellschaft wie sie etwa die Ausgrenzung der Schwarzen darstellt. Diese erlebt ja derzeit einen traurigen Höhepunkt. Die USA, so Todd, verlören ihren universalistischen Anspruch. Dieser habe früher darin bestanden, andere Völker als prinzipiell gleichwertig anzusehen. Heute jedoch dominiert der Trend zur Ausgrenzung: Was früher hauptsächlich Indianer und Schwarze waren, gelte heute zunehmend auch für Mexikaner und andere Hispanics. Todd behauptet, die amerikanische Gesellschaft müsse stets zwei oder drei Gruppen ausgrenzen, um andere integrieren zu können. Juden, Iren und Deutsche etwa hätten integriert werden können, weil gleichzeitig Schwarze, Indianer und Juden ausgegrenzt worden seien.

Todd thematisiert die korrupte und pathologisch auf Konsum ausgerichtete Wirtschaft der USA mit ihrem dauerhaften Handelsbilanzdefizit. Dabei greift der den Enron-Skandal auf, der vor dreizehn Jahren Schlagzeilen machte. Was Todd wohl erst angesichts der katastrophalen Finanzkrise von 2007 gesagt hätte?

Unbedingt muss ich erwähnen, dass Todd - er ist Anthropologe und Demograf - im Buch verschiedene Gesellschaften vor dem Hintergrund ihrer Familienstrukturen analysiert, was ich überaus interessant finde. Als Parameter zieht er dabei autoritär/liberal bzw. egalitär/inegalitär heran. Die Familienstrukturen, so Todd, prädestinieren auf entscheidenden Weise, wie eine Gesellschaft ausgestaltet ist. Deutschland wäre dieser Schablone zufolge zum Beispiel ein Land, in dem autoritäre und inegalitäre Strukturen vorherrschen, was auch das Aufkommen des Nationalsozialismus begünstigte. Inegalitär deshalb, weil früher nur der Erstgeborene Sohn den Hof des Vaters erbte, während die anderen Kinder leer ausgingen. In anderen Ländern, wie etwa Frankreich, ging das Erbe gleichermaßen auf alle Nachkommen über, was, so Todd, in Frankreich die Voraussetzungen schuf, eine liberale und egalitäre Gesellschaft zu werden. Ob ich dieser Analyse folgen will, weiß ich nicht. Sie bietet aber auf jeden Fall eine interessante Perspektive auf die Frage, was Völker voneinander unterscheidet.

Tenor des Buches: Die USA sind ein Scheinriese, weder militärisch noch politisch fähig, ein Imperium zu begründen, geschweige denn aufrechtzuerhalten. Der Zusammenbruch der Sowjetunion schuf für kurze Zeit die Illusion einer amerikanischen Weltmacht, die aber bereits 1990 zu scheitern begann. Heute wie schon vor 13 Jahren betreiben die USA Muskelspiele, indem sie sich militärisch klar unterlegene Gegner aussuchen, um diese dann "eindrucksvoll" zu überwältigen (Irak, Libyen). Todd legt dabei den Finger in eine klaffende Wunde der USA, die in der Schwäche seiner Bodentruppen besteht. Dieser Schwäche sind sich die Amerikaner schmerzlich bewusst, weshalb sie sich auch im Kampf gegen den IS scheuen, Bodentruppen einzusetzen. Vom Zweiten Weltkrieg über den Koreakrieg bis zum Desaster in Vietnam hätten die amerikanischen Streitkräfte immer wieder ihre relative Inkompetenz im Nahkampf unter Beweis gestellt, behauptet Todd. Deshalb verlege man sich mittlerweile auf möglichst sterile Luftangriffe wie etwa im Irakkrieg.

So lenkten die USA durch Machtdemonstrationen von der eigenen Ohnmacht ab, die zum einen aus dem fortschreitenden wirtschaftlichen Niedergang (Realwirtschaft), zum anderen aus dem offen zutage tretenden Machtverlust in einem zunehmend multipolaren internationalen Gefüge bestehe, schreibt Todd. An der Validität seiner Thesen hat sich seit der Veröffentlichung des Buchs wenig geändert; 13 Jahre sind aber natürlich auch keine lange Zeit, wenn es um gesellschaftliche und weltpolitische Prozesse geht, die sich ständig im Fluss befinden.

Trotz der wissenschaftlichen Herangehensweise schreibt Todd unterhaltsam. Einen Stern muss ich abziehen, denn die Übersetzung ist leider oft sehr sperrig, umständlich und insgesamt missraten.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Gedanken zur Erinnerungskultur in Deutschland

"Jetzt reicht's aber auch mal", "irgendwann muss man abschließen" usw. Solche Äußerungen hört man nicht selten, wenn es um den Holocaust geht, der in diesen Tagen anlässlich der Befreiung vieler Konzentrations- und Vernichtungslager wieder vermehrt in den Schlagzeilen ist. Noch öfter liest man derlei Äußerungen in Internetforen oder im Kommentarbereich unter Youtube-Clips. Dabei geht es aber natürlich deutlich dumpfer zu. 

Aber nicht nur völkische Dumpfbacken denken so. Auch Intellektuelle. Prominentestes Beispiel: Martin Walser. In seiner berüchtigten Rede in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1998 prägte er den Begriff der "Auschwitz-Keule". Das Erinnern an Auschwitz sei zu einer ritualisierten Handlung verkommen, meinte Walser damals. Sie diene nur noch dazu, das gut gepflegte schlechte Gewissen der deutschen auf ewig zu konservieren.

Dieses Denkmuster kenne ich von mir selbst, und von nicht wenigen anderen, die ich grundsätzlich für intelligente Menschen halte. Tenor: Deutschland ist nicht so selbstbewusst, wie es sein könnte (was auch immer das heißt). Schuld daran sei unter anderem die Erinnerungskultur, die in Deutschland fetischistische Züge trage und eine Nation in Fesseln lege, die "ihre Schuld getan" habe. 

Diese Meinung habe ich bis vor ein paar Jahren geteilt. Wie ein leeres Ritual kamen mir Gedenkfeiern vor, das jährliche Mahnen, der gehobene Zeigefinger. Was, so dachte ich, soll ich als Kind der Achtzigerjahre damit anfangen? Ich dachte, ein anderes Deutschland zu kennen. Die Präsenz des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust in den Medien erschien mir fehl am Platz. Es war zur Zeit der Jahrtausendwende, als die mediale Berichterstattung zu diesen Themen ihren Höhepunkt erreicht hatte - so mein subjektiver Eindruck. Im Jahr 2000 legte Norman Finkelstein dann sein Buch "Die Holocaust-Industrie" vor, in dem er eben jene Umtriebe anprangerte. Das Buch fand in Deutschland größten Anklang.

Hätte Walser die Rede so gehalten, wenn er gewusst hätte, wer den Begriff heute benutzt? Wahrscheinlich nicht. Denn die "Auschwitz-Keule" begegnet einem heute an den schäbigsten Orten. Dokumentationen über Hitlers Russlandfeldzug etwa sind gespickt mit Kommentaren von Usern, deren Avatare aus Reichskriegsflaggen, höchstens leicht entstellten SS-Abzeichen oder anderer völkischer Symbolik bestehen. "Deutschland erwache!" gröhlt es auch aus dem Subtext von vielen Leserkommentaren großer Zeitungen. Zu nennen wären vor allem die Onlineausgaben der Frankfurter Allgemeinen oder der Welt.

Heute bin ich der Meinung, dass in Deutschland nie genug an Auschwitz erinnert werden kann. Diejenigen nämlich, die "genug haben" und nichts davon hören wollen, sind diejenigen, die sich am dringendsten mit ihrem Deutschsein auseinandersetzen sollten. Jeder Deutsche, der sagt, er habe genug, ist ein Grund, weiter zu erinnern. Vielleicht ist die Erinnerungskultur sogar zu schwach. Im Jahr 2015 reden viele Deutsche so völkisch wie seit 70 Jahren nicht mehr. Schließlich sind "wir" Weltmeister im Fußball, waren es lange im Export, "wir" müssen die "Pleite-Griechen" sanieren, für sie aufkommen. Im Jahr 2015 dominiert Deutschland in Europa - ein Horrorszenario für jeden, der die deutsche Mentalität kennt.

Außerdem: Ob das Erinnern ein leeres Ritual ist oder nicht kann jeder für sich entscheiden. Medien sind Medien - sie vermitteln. Denken und fühlen muss jeder für sich. Wer sich zehn Minuten Zeit nimmt und sich vor Augen hält, was Deutsche vor 70 Jahren angerichtet und geduldet haben, wird nicht mehr von einem "leeren Ritual" sprechen. Er wird irgendwann akzeptieren, dass dieser Teil der Geschichte kein Zufall war, sondern fest zur deutschen Identität gehört, ob es ihm passt oder nicht.






  

Samstag, 2. Mai 2015

Gemischtes Eis mit fadem Beigeschmack

ALBUMKRITIK:
BLUR: THE MAGIC WHIP, WARNER BROTHERS, 2015 

 Blur: The Magic Whip

Welche Eissorten sind das, die Blur den Hörern auf Magic Whip servieren? Leider verstehe ich kein Japanisch und kann die Schriftzeichen (oder ist das Mandarin?) auf dem Albumcover nicht lesen. Soviel ist klar: Es schmeckt mir nicht. Blur langweilen sich. Und die Hörer gleich mit. Albarns traniger Gesang, Coxons lakonische Riffs und Rowntrees unbeteiligtes Getrommel inspirieren nicht mehr.

Dabei machen Blur die gleiche Musik wie in den Neunzigern. Und dann eben doch wieder nicht. Denn "Beetlebum", "Song 2" oder das ambitionierte "13" hatten "Magic Whip" eben einiges an Dynamik und Energie voraus. Man könnte es auch Inspiration nennen. Kombiniert mit der Albarn'schen Coolness und dem kongenialen Spiel Coxons ging das Rezept einwandfrei auf, bis Letztgenannter die Band verlies und Blur nur noch traurige, geistlose Elektronik produzierten.

"The Magic Whip" ist wie ein Abgesang auf alte Zeiten. Es ist ein jämmerliches Jaulen, ein Leierkasten. Nach "Ice Cream Man" brauchte ich erstmal ein Bier, solche Beklemmungen löste der Song in mir aus. Ein Song gleicht dem Nächsten, Albarn quäkt trostlos, Coxon lehnt sich noch manchmal gegen die stimmliche Klagemauer an, scheitert aber. Die Musik ist seltsam steril, hat etwas zombiehaftes, gleichzeitig wirkt sie teilweise wie ein Barbiturat. Die Lebendigkeit, die Coxons akustische Gitarren etwa "Blur" (1997) noch verliehen, fehlt hier restlos.

Die Rückkehr des begnadeten Gitarristen ändert nichts am Trend zur blutleeren, antiseptischen Musik, die mit "Think Tank" (2003) begann und an die sich "The Magic Whip" nahtlos anschließt. Schade!

 

Dienstag, 28. April 2015

Flüchtlingswelle: Wer klagt die USA an?

Schon seltsam, dass niemand über eine der offensichtlichen Hauptursachen der Flüchtlingsproblematik redet: Die jahrzehntelange Kriegspolitik der Amerikaner im Nahen Osten. Die Früchte dieser Saat erntet jetzt Europa - und dessen Politiker sind wie immer zu feige, das Offensichtliche auszusprechen. Sitz, Merkel! Platz, Hollande! Feeiiiin, Renzi! 

Buckelt doch nur alle weiter vor Uncle Sam. Derweil führen die Stars and Stripes ihren Endlos-Krieg fort, ohne jemals die Rechnung dafür zu kassieren. Rekapitulieren wir doch einmal nüchtern. Wie konnte sich der Islamische Staat denn so schnell verbreiten, und vor allem wo?

Erstens: Irak. Ein Failed State. Ursache: USA. Vor dem Einmarsch der GIs im Jahr 2003 sah das anders aus. Zwar regierte mit Saddam Hussein ein Mensch, den man nicht zwingend für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels vorgeschlagen hätte. Trotzdem durfte man von stabilen Verhältnissen sprechen. Die Amerikaner zogen Bilder von nicht vorhandenen Atomwaffen aus dem Zauberhut und ließen Bomben regnen. Der Rest ist Geschichte. Das Elend, das die Iraker heute erleben, geht aufs Konto von Bush und Obama - nicht ausschließlich, aber doch zu einem beträchtlichen Teil.

Next Stop Syrien: Man muss gar nicht so lange zurückdenken, da galt Assad als bester Freund sämtlicher amerikanischer Präsidenten, galt als gemäßigt, als Hort der Stabilität in Nahost. Ein paar rebellierende Facebook-Jugendliche überzeugten Herrn Obama 2011 davon, dass Assad gar nicht so nett sei, wie er immer getan hatte. Assad ließ man fallen, schickte dubiosen Rebellengruppen Waffen und sorgte für mehr Chaos, als Assad jemals hätte anrichten können. Die Verheerungen Syriens sind ebenfalls den USA geschuldet. Gut gemacht, land of the free, home of the brave!

Und wer schickt den Amerikanern jetzt die Rechnung? Natürlich niemand. Steinmeier kuscht vor Kerry, Merkel vor Obama und Hollande sowieso vor allen. Cameron hat Wahlkampf, Renzi kennen die Amerikaner sowieso nicht. Und deutsche Medien ignorieren die Tatsache, dass die Flüchtlingswelle und das damit verbundene Leid von Hunderttausenden auf einen Hauptschuldigen zurückzuführen ist, der noch nicht einmal auf der Anklagebank sitzt.

 

  

Donnerstag, 19. März 2015

Über Linksautonome und phallische Hochhäuser aus Glas

Vermummte werfen Steine auf Polizisten, beschädigen Autos, aus jeder Ecke steigt Rauch auf. Frankfurt glich gestern einer Stadt im Bürgerkrieg. Journalisten greifen routiniert zu einem bestimmten Begriff, wenn sie die Täter beschreiben. Sie bezeichnen sie als "Linksautonome". Was ist das aber, ein Linksautonomer?

Linksautonome treten immer dann auf, wenn es kracht. Sie randalieren, werfen Steine, rütteln an Polizeiautos, verletzen Polizisten und - falls zufällig am Ort des Geschehens zugegen - Zivilisten. Kurzum: Sie terrorisieren, statt zu demonstrieren. Als Terroristen bezeichnet sie trotzdem niemand. Sie kleiden sich schwarz, tragen Wollmützen und binden sich dunkle Tücher um den Mund. Linksautonome bleiben gerne anonym. Sie denken und handeln radikal. Zeigen wollen sie sich dabei nicht.

Darüber kommt man ins Grübeln: Monatelang diskutiert Deutschland über PEGIDA. Tausende Demonstranten spazieren Woche für Woche durch Dresden und andere deutsche Städte; dumpf, sicher, mitunter auch völkisch unterwandert. Aber friedlich. In Frankfurt hat eine Handvoll Linksautonomer eine deutsche Großstadt in Aufruhr versetzt - an einem Nachmittag.

Taten sagen eben nicht immer mehr als Worte. Zumindest nicht bei der Mehrheit deutscher Journalisten. Die Sprachregelung privilegiert die einen, benachteiligt die anderen. Linksautonome sind unangenehm, gelten aber doch irgendwie als Kämpfer für die gute Sache. PEGIDA-Demonstranten stehen unter dem Generalverdacht, rechts zu sein. Diese Einteilung ist genauso bequem und wie unfair. 

Auch friedliche Demonstranten taten gestern ihre Meinung kund. Sie hatten sich ebenfalls die Europäische Zentralbank als Gegenstand ihres Unmuts ausgesucht. Die EZB steht zwar zurecht am Pranger: Als Mitglieder der Troika betreibt sie eine brutale Sparpolitik, die Griechenland schon vor fünf Jahren das Genick gebrochen hat. Diese Politik half, das soziale Elend im Land zu vergrößern.

Es wundert mich trotzdem, dass sich die Wut sowohl von Krawallmachern als auch von friedlichen Demonstranten auf Frankfurt konzentriert. Die EZB ist nämlich zwar unabhängig, ihr Verhalten problematisch. Die schmerzhaftere Sparpeitsche schwingt man aber in Berlin. Angela Merkel und Wolfgang Schäuble verkündeten von Tag eins der griechischen Schuldenkrise an, es gäbe nur eine Wahl: Sparen, sparen, sparen - und zwar alternativlos!

Warum versammeln sich die Vermummten nicht vor Reichstag, Finanzministerium oder Kanzleramt? Stattdessen ziehen es vor, ein phallisches Glashochhaus anzuklagen. Ich warte auf den Tag, an dem die Wiese vor dem Reichstag voll ist von Demonstranten. Wer klagt Merkels alternativlose Politik dort an, wo sie gemacht wird? Sind die Preußendeutschen wieder zu kuschelig, wenn es ans Eingemachte geht? Oder erleben wir in Dresden und Frankfurt nur die Generalprobe einer aufgestauten Wut, die sich bei der großen Premiere in Berlin ihr großes Ventil sucht? 

  


Donnerstag, 12. März 2015

Griechische Totengräber: Ein Land im präfinalen Zustand

Die griechische Regierung hält an ihren Forderungen nach Reparationszahlungen für die Zeit der deutschen Besatzung fest. Das darf man getrost als Verzweiflungstat werten. Tsipras, Varoufakis & Co. sind vor sechs Wochen mit so einer breiten Brust ins Amt gestartet, dass man befürchtete, es platzten gleich drei Hemdknöpfe auf einmal.

Einige "Antrittsbesuche" in Brüssel später senkten sich die Häupter der Herren merklich. Erst drohten sie, kündigten an, forderten und riefen eine neue Ära aus. Der Ökonom Varoufakis schrieb Artikel, entwarf Konzepte, verkündete dies und das und war sichtlich stolz auf sein Werk.

Spätestens nach der neuerlichen Bitte nach Finanzhilfen Anfang dieser Woche ist klar, welche Luftschlösser sich die krawattenlosen Amtsträger gebaut hatten. Welche Hochstapler haben die Griechen da nur in hohe Ämter und Würden gebracht? Während das parteiinterne Syriza-Blatt Wolfgang Schäuble als KZ-Aufseher verhöhnte, versagten Tsipras und Varoufakis selbst bei den naheliegendsten Aufgaben: Nicht mal die vielgescholtenen Reeder nahmen sie bislang enger an die Kandare!

Die Hoffnung auf eine linksliberale, kooperative und konstruktive griechische Regierung ist zerstoben. Selbst die potenziellen Verbündeten in Portugal schafften es die Griechen zu vergraulen. Das Zampano-Gehabe der beiden führenden Köpfe war zwei Tage lang amüsant. Schon schnell stellte sich beim Beobachter aber ein Befremden ein, das bald Fassungslosigkeit wich. Wann würden Tsipras und Varoufakis das Theater einstellen, ernst machen und ihre wahren Pläne präsentieren?

Irgendwann nahmen auch die Letzten wahr, dass die beiden mit ihren anfänglichen Taschenspielertricks ihr gesamtes Pulver verschossen hatten. Danach kommt nichts mehr. Eine morbide Endzeitstimmung umweht nun jede Verlautbarung aus Athen. Die soziale Katastrophe ist nun unaufhaltbar. 

Die Totengräber der griechischen Gesellschaft sitzen in der griechischen Hauptstadt. Am Ende ist es wohl wirklich nur die Krawatte, die die aufmüpfigen Linkspopulisten von ihren Vorgängern, den Besitzstandswahrern und Spesenrittern der Nea Demokratia, unterscheidet. Griechenland hat seine Henker gewählt. Der Zustand des Landes ist präfinal. Wer kann es jetzt noch reanimieren?

 

Dienstag, 10. März 2015

Das Gruselkabinett frühreaktionärer Denker. Heute: Florentine Fritzen über Frauen, die Männer niederwalzen

"Frau Fritzen, wir bräuchten dann noch einen Artikel, der sich gegen die Frauenquote richtet. Darf gerne etwas überzogen sein. Sie wissen ja, wie das geht. Wenn Sie das als Frau machen, unterstreicht das natürlich die Glaubwürdigkeit, das muss ich Ihnen ja nicht extra erklären." 

So oder so ähnlich dürfte es in der F.A.Z.-Redaktion neulich geklungen haben, nachdem der deutsche Bundestag auf Initiative von Familienministerin Manuela Schwesig die Frauenquote zu Wege gebracht hatte. Florentine Fritzen ließ sich jedenfalls nicht lumpen und verfasste einen Kommentar, den sie "Die Quotenwalze" nannte.

In ihm unterstellt sie den Frauenquotenbefürwortern, sie verfolgten eine Taktik des "Niederwalzens" - eine Taktik, die sie, so Fritzen, eigentlich immer den Männern vorgeworfen hätten. 

„Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich gesagt: Das habe ich alles allein geschafft“ zitiert Fritzen die Familienministerin mit einer flapsigen Aussage, die man eigentlich nur ernst nehmen kann, wenn man gänzlich humorbefreit ist. So wie offenbar Florentine Fritzen: "Weil sie aber eine Frau ist, sagte sie ebendiesen Zickensatz, der alle Männer erst mal pauschal plattmachte. Dann lobte sie ihre Mitstreiterinnen - und natürlich Heiko Maas, aber der hat eben auch viele weibliche Eigenschaften."

Cry me a river, Frau Fritzen! Mit diesem - höchstwahrscheinlich scherzhaft gemeinten - Satz macht Manuela Schwesig "alle Männer erst mal pauschal platt"? Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Wenn das so weitergeht, unterstellen Sie den Frauen noch, sie würden auf dem Arbeitsmarkt systematisch übervorteilt. Aber ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen - vielleicht hat Florentine Fritzen das tatsächlich schon behauptet?

Das Wort "Mitkämpferinnen" löst bei der Redakteurin das blanke Entsetzen aus. Mahnend hebt sie den Zeigefinger: "Wer jetzt meint, sollen sie doch alle ihr Gehabe pflegen, wie sie wollen, irrt. Denn er verkennt, dass sich darin genau das zeigt, was Frauenquotenbefürworter beiderlei Geschlechts „den Männern“ immer vorwerfen: eine Taktik des Niederwalzens. So dass alle, die die Sache anders oder differenzierter sehen, lieber die Klappe halten."

Natürlich, Frau Fritzen. Wenn manche Frauen sich als "Mitkämpferinnen" bezeichnen und auch mal einen männerfeindlichen Spruch absetzen, muss System dahinter stecken. Eine Frauenverschwörung um Manuela Schwesig ist im Anmarsch. Die Machtergreifung steht kurz bevor. Ehrlich? Ist das noch Larmoyanz oder schon Paranoia?

Auch außerhalb des Bundestages, weint Fritzen, gebe es kaum noch Stimmen, die dem "Mainstream" widersprechen wollten. Über allem liege eine Soße: Die Quote sei gut, wer sie hinterfrage, sei dumm oder böse, so resümiert Fritzen die Quotendebatte. 

Korrektur, Frau Fritzen: Quotengegner gibt es viele, sie sind lautstark, nicht zu überhören. Viele von ihnen lesen F.A.Z. Ihre Lieblingsautorin sind vermutlich Sie, Frau Fritzen. Mit der "Soße", die angeblich über allem liegt, meinen Sie höchstwahrscheinlich Meinungen, die von Ihrer abweichen. 

Die wehleidige Argumentation kenne ich noch gut von Thilo Sarrazin. Es ist die "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Attitüde. Sie funktioniert so: Man macht vom Recht gebrauch, etwas Dummes zu sagen. Man erhält Widerworte. Dann beschwert man sich, man würde "mundtot gemacht", als "dumm" oder "böse" bezeichnet. 

Zur Meinungsfreiheit gehört aber auch, sich Meinungen über die eigene Meinung bieten zu lassen. Das müsste selbst Frau Fritzen wissen. Die "Soße", die über allem liegt, ist aus meiner Sicht eher das unsägliche Gerede über eine "Flexi-Quote" oder sonstigen Hokuspokus, der nur darauf abzielt, Unternehmen frei schalten und walten zu lassen. Das läuft jetzt jedoch zum Glück nicht mehr. Die Chance haben die Herren nun mal verpasst.

Frau Fritzen und die konservative F.A.Z.-Redaktion dürfen sich aber freuen. Denn dreißig Prozent Frauenanteil heißt doch nur, dass es noch eine faktische Männerquote von 70% gibt. Machen Sie eine Flasche Champagner auf, Florentine Fritzen! Die deutsche Volkswirtschaft ist für Reaktionäre in den Führungsetagen und ihre Apologeten in konservativen Redaktionsstuben noch immer ein Schlaraffenland.

Montag, 9. März 2015

Zweimal F.A.Z. zur NSA-Affäre: Hier krude Apologetik, da faktenbasierter Common Sense

Nachdem Jasper von Altenbockum vor wenigen Tagen sich und seine Zeitung mit einem kruden Artikel blamiert hatte, in dem er die Tragweite der durch die NSA-Affäre gewonnenen Erkenntnisse herunterzuspielen versuchte, betreibt die F.A.Z. heute Schadensbegrenzung.

In einem lesenswerten Artikel fasst Constanze Kurz zusammen, was jede mit gesundem Menschenverstand ausgestattete Person aus der NSA-Affäre gelernt haben müsste: Die westlichen Geheimdienste sind außer Kontrolle geraten. Nicht, dass das nicht vorher schon klar gewesen wäre. Bei manch einem dauert es offensichtlich aber etwas länger, und manch anderer will die Erkenntnisse nicht wahrhaben, weil sie nicht in sein Weltbild passen.

Jasper von Altenbockum scheint ein solcher zu sein; denn die Argumentation, die er in seinem Artikel bemüht, war genau das: bemüht, und zwar so sehr, dass man schon Mitleid bekommen konnte. Auf der einen Seite der Apologet von Altenbockum, der alles gar nicht so schlimm findet oder zumindest nicht so schlimm finden will; auf der anderen Seite Snowden, Greenwald, der Guardian und ein Faktenberg, der seit Sommer 2013 nicht aufhört zu wachsen.

Der Artikel von Altenbockums war der F.A.Z. wohl selbst ein bißchen peinlich. Selten kommt es nämlich vor, dass ein Autor, wie Constanze Kurz im vorliegenden Fall, sich explizit kritisch auf einen Autor derselben Zeitung bezieht. Und das nicht gerade zimperlich: "Von einem Überwachungsstaat könne deswegen keine Rede sein, wurde jüngst auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung moniert - unter anderem mit der Begründung, dass das Wort „Überwachungsstaat“ nicht im Brockhaus stehe. Abgesehen davon, dass der Brockhaus möglicherweise für Phänomene der digitalen Welt das falsche Nachschlagewerk ist, drängt sich die Frage auf, mit welcher selektiven Ignoranz man an die Lektüre der Snowden-Dokumente gehen muss, um zu einer solchen Erkenntnis zu kommen".  Viel mehr ist dazu gar nicht zu sagen.

Die Snowden-Dokumente über die "aktive Zersetzungsarbeit", die etwa der britische Geheimdienst GCHQ beitreibe, sprächen, so Constanze Kurz, eine deutliche Sprache. Sie seien politische Machtmittel, an denen die Dienste die Regierungen nach Gutdünken partizipieren ließen. Für die Regierungen sei dieser undemokratische Zustand bequem. Ihre Strategie sei es deshalb, so zu tun, als gäbe es gar kein Profil. Sie machten "den Pofalla". 

"Aussitzen" hieß das bei Kohl und heißt es noch bei Merkel. „Wir können zwar alles und jeden überwachen, aber wir tun es nicht! Versprochen, großes Pionierehrenwort!", schreibt Kurz. Schön, dass wenigstens einer bei der F.A.Z. das in dieser Klarheit ausspricht. Schade, dass es zu dieser Replik überhaupt kommen musste. Denn das Politiker ihre Machtposition ausnutzen, ist nachvollziehbar. Dass renommierte Journalisten ihnen und den Machenschaften der Geheimdienste unverblümt das Wort reden, ist es nicht.






Donnerstag, 26. Februar 2015

Der Abnickerverein im Reichstag betreibt Insolvenzverschleppung - einmal mehr

Vorgestern überraschte mich Olav Gutting (CDU) doch ein wenig. Auf meine Anfrage bei Twitter, ob er angesichts seiner wiederholt geäußerten Skepsis gegenüber den Hilfsgeldern für Griechenland denn am Freitag seinen Worten auch Taten folgen lasse und bei der Abstimmung gegen die Bewilligung stimme, antwortete der Abgeordnete tatsächlich mit "so wird es sein".

Es ist erst Donnerstag, und Gutting wäre nicht der erste Politiker, der sein Fähnlein noch kurz vor Toreschluß nach dem Wind ausrichtet und sich dem Fraktionszwang beugt. Vorsicht ist also geboten. Vielleicht hatte er schlicht nicht damit gerechnet, dass ihn jemand beim Wort nimmt. Seine Tweets bleiben in der Regel unkommentiert. 

Es ist auch denkbar, dass die Unionsfraktion Abweichler bewusst animiert. Merkel und Schäuble wissen um die Skepsis in der Bevölkerung. Eine allzu große Einstimmigkeit käme nicht gut an. Das Kalkül könnte also vorsehen, eine Anzahl an "Querköpfen" zu instruieren, gegen die Hilfen zu stimmen und ihr Rebellentum entsprechend medial in Szene zu setzen. 

Auf diese Weise könnte man die Pakete ungefährdet durchbringen, gleichzeitig das Profil einer heterogenen "Partei der Köpfe" kultivieren, die erst nach zähem Ringen und schwierigen Verhandlungen eine Entscheidung herbeiführt. Dem Image eines Abnickervereins, das der CDU zunehmend zu schaffen macht, könnte man so entgegentreten. Zynisch zwar, aber wirksam.

Unabhängig von solchen Überlegungen scheint den neuerlichen "Hilfsprogrammen für Griechenland", also der Bankenrettung durch europäische Steuerzahler, nichts mehr im Wege zu stehen. Die Duckmäuser von der Union sind immer mit von der Partie, die "Genossen" lieben das Kapital mittlerweile ebenso ungeniert. 

Neu ist die Zustimmung der Linkspartei, die sich zwischen Kritik am Rettungskonzept und  Solidarität mit Syriza entscheiden musste. Sie opferte schließlich die Kritik. Man hatte Tsipras zu offen unerstützt. Würde die Linke ihn jetzt schon fallen lassen, stünde sie schlecht da.

Die Entwicklung jedenfalls ist für alle schlecht. Das griechische Volk leidet weiter. Europäische Steuerzahler alimentieren deutsche und französische Großbanken. Syriza wird seine vagen Ankündigungen allenfalls zaghaft durchsetzen. Die Schulden werden steigen, die griechische Wirtschaft nicht wachsen, im Juni das gleiche Spiel von vorn beginnen. 

Am Freitag wird sich ein Großteil der Abgeordneten des deutschen Bundestages erneut an einer Insolvenzverschleppung epochalen Ausmaßes beteiligen - wider besseren Wissens. Es ist gewählt, um Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Statt dessen aber vergrößert es den Schaden um einige Milliarden mehr. Ob ein Fisch namens Olav Gutting diesmal ausnahmsweise gegen den Strom schwimmt, spielt dabei keine Rolle.

Dienstag, 24. Februar 2015

Olav Gutting, MdB (CDU): Aus dem Alltag eines Parteisoldaten

Olav Gutting ist Mitglied des Bundestages. Er vertritt seit dem Jahr 2002 den Wahlkreis Bruchsal-Schwetzingen. Bei der Bundestagswahl 2005 erzielte er ein für den deutschen Südwesten typisches, traumhaftes Wahlergebnis von 48,7%. 



Das ist Gutting. Das Bild prangt auf seiner Webseite www.olav-gutting.de. Sie sehen: Gutting ist ein Kümmerer. Er nimmt sich der Belange der Bevölkerung an. Ist ganz dicht dran. Hört zu. Ist ganz Ohr. Ob alleinerziehende Mutter oder Rentner mit Anglerweste: Gutting "horcht rein", schaut dem Wahlvolk aufs Maul. Mal ist er offiziell und staatstragend, gerne aber auch volkstümlich. Er passt sich an. Das kann er. Kritiker sagen, Gutting sei ein "Fisch".

Olav Gutting hinterfragt Dinge. Vor drei Tagen, am 21. Februar, stellte er sich und seinen Followern bei Twitter folgende Frage:

Eine Antwort erhielt Gutting bislang nicht. Warum sollte er? Die Frage ist wohl rhetorisch gemeint. Zwischen den Zeilen liest man: Schreddern ist okay. Ganz schön pfiffig, dieser Herr Gutting. Auf Nachfrage würde er bestimmt sagen, er wolle eine "Diskussion in Gang bringen". Einfach mal provozieren, "zum Nachdenken anregen". Sprechblasen produzieren. Gutting ist ein Meister darin. 

Ein Beispiel gefällig?


Grinsend, links, MdB (CDU) Olav Gutting. Süffisant, rechts, Ilcham Alijew, Präsident Aserbaidschans. Das „Organized Crime and Corruption Reporting Project“ (OCCRP) adelte ihn im Jahr 2012 mit dem Titel des "korruptesten Mann des Jahres". Alijew manipulierte Wahlen und setzt Familienmitglieder auf die Chefsessel staatlicher Schlüsselindustrien. US-Diplomaten nennen ihn "Mafia Gangsterboss". 

Gut also, dass es Olav Gutting gibt. Wie er berichtet (siehe Tweet), kam "auch das Thema Menschenrechte beim Gespräch mit Präsident Ilcham Alijew zur Sprache". Das wird Alijew eine Lehre sein. Man kann es sich gut vorstellen: Protzige Riesenvilla in Baku, Marmorböden, goldene Bilderrahmen, Herr Alijew umringt von leichten Mädchen, eine Zigarre paffend: "Jetzt mal über Menschenrechte nachdenken. Herr Gutting hat es ja angeregt".

Um seiner Botschaft Nachdruck zu verleihen, knipste der langhaarige CDU-Mann gleich noch ein Selfie von sich und dem ehrwürdigen Präsidenten. Stimmung: locker, fast ausgelassen. Auch diese Rolle beherrscht der agile Politprofi.



Was macht man nicht alles als heimatverbundener Parteisoldat? Man bindet sich einen "modischen" Schal um, "talkt" bei "Jüttners zuhause",




freut sich über volle Turnhallen und auf Auftritte des Einpeitschers und CDU-Generalsekretärs Peter Tauber,






besucht regionale Unternehmen, tut interessiert, versteht nichts, 

 
und - Achtung, Schlüsselqualifikation - teilt gegen europäische Nachbarn aus, die wieder mal irgendwelche Regeln nicht einhalten. Als hätte Deutschland nie gegen EU-Regeln verstoßen. Als braver Schäuble-Jünger kennt Olav Gutting die CDU-interne Bedeutung der "schwarzen Null" natürlich nur allzu gut. 

Deutschlands Verantwortung in der Eurokrise würde Gutting freilich nicht anerkennen. Hauptsache, der "deutsche Staat" schafft einen "Milliardenüberschuss". Für Gutting scheint nicht nur Elektrolyse "kompliziertes Zeug" zu sein. Auch das Einmaleins der Volkswirtschaftslehre überfordert ihn.  

Ein Seitenhieb gegen unfähige Südeuropäer gehört bei CDU-Mitläufern zum guten Ton. Auch Gutting ist da keine Ausnahme. Natürlich wird er auch das nächste Hilfspaket im Bundestag bewilligen. Der Fraktionszwang will es so, und auf Nachfrage stünde sicher auch der feminine Jurist Gutting mit der locker sitzenden Haarpracht "voll dahinter".  Laut bellen, dann einknicken: Was Markus Söder kann, kann Olav Gutting schon lange.



Ich gebe gerne zu: Der "Fisch" Gutting entgleitet mir. Ich bekomme ihn nicht zu fassen. Er ist glatt, gewandt, auf jedem Parkett bewegt er sich mühelos, als wäre es sein natürliches Habitat. Er verkleidet sich beim Fasching, stimmt bei schwierigen Entscheidungen immer "richtig" ab und "talkt" mit einflussreichen badischen Großbürgern bei Hefeweizen und Kalbsschnitzel. 

Der Mann ist ein Parteisoldat mit Zukunft. 












Montag, 23. Februar 2015

Der Jubeljournalismus der F.A.Z. Heute: Sebastian Balzter

Die F.A.Z. jubelt gerne. Sie liebt unsere Wirtschaftspolitik, sie verehrt unsere Kanzlerin und sie rollt - via Klaus-Dieter Frankenberger - den USA und TTIP den roten Teppich aus. Jubelperser wie Patrick Bernau verdrehen und mißinterpretieren Studien so lange, bis sie ins eigene Weltbild passen. Dann singen sie aus voller Kehle die offizielle Hymne des F.A.Z.-Wirtschaftsressorts. Der Refrain dieser Hymne geht so: "Uns geht es in Deutschland sehr sehr gut und immer besser." 

Liest man Artikel dieses Presseorgans, so wähnt man sich im Barock-Zeitalter, als Leibniz proklamierte, man lebe in der "besten aller Welten". Leibniz optimierte eine Grundtechnik, die jeder ideologische Jubelperser beherrschen sollte: Er war ein Meister darin, Fakten zu ignorieren. Ebenso meisterhaft ignoriert die F.A.Z. augenscheinliche Fakten, die den Zustand der deutschen Wirtschaft betreffen. 

Sebastian Balzter, Jahrgang 1978, ist einer der Lehrlinge, die das Handwerk des neoliberalen Hurra-Journalismus mit großem Eifer erlernt haben. Die Erkenntnisse des neuesten Armutsberichts des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wischt Balzter kurz beiseite. Dieser sprach von einer nie dagewesenen Armut in Deutschland, Rekord, Höchststand. Kann doch nicht sein, denkt Sebastian Balzter und macht einen "statistischen Trick" als Grundlage des Berichts aus.

Passioniert singt Balzter gleich anfangs den F.A.Z.-Refrain: "Nie gab es in Deutschland so viele Erwerbstätige wie heute. Die Löhne steigen dank üppiger Tarifabschlüsse auf breiter Front. Die Unternehmen können sich das leisten, weil sie blendende Geschäfte machen. Der private Konsum kennt kaum noch Grenzen. Trotzdem behauptet der Bericht: 'Es gibt keinen Zweifel: Die Armut in Deutschland ist auf Rekordhoch.'“

Diese Kollision von Einbildung und Realität ist bezeichnend für die Berichterstattung der F.A.Z. Das passiert, wenn Redakteur Balzter seine "Fakten" von Redakteur Bernau bezieht. Tja, wie kann das sein, dass die eigene heile Welt von dem abweicht, was der Paritätische Wohlfahrtsverband nüchtern konstatiert? Selbstkritik ist nicht die Stärke der Frankfurter Wirtschaftsredaktion. Es muss also an "den anderen" liegen. Eine Erklärung ist schnell gefunden:

"Ein statistischer Trick macht es möglich, dass die Armut auf dem Papier zunimmt, obwohl sich die Lebensverhältnisse in Wirklichkeit seit Jahren günstig entwickeln. Denn als arm gilt für den Armutsbericht per Definition, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. In Deutschland lag die auf diese Weise festgelegte Armutsgrenze für ein Ehepaar mit zwei Kindern im Jahr 2013 beispielsweise bei 1873 Euro im Monat. Ob das noch genug oder schon zu wenig ist für ein menschenwürdiges Leben, hängt von vielen Faktoren ab – vor allem von der je nach Wohnort unterschiedliche Höhe der Miete. Sicher dürfte aber sein, dass sich nicht jede vierköpfige Familie als arm bezeichnet, die mit 1873 Euro im Monat auskommt."

Sebastian Balzter ist vermutlich Gutverdiener und Single. Nur so lässt sich eine Aussage wie die erklären, dass sich nicht jede vierköpfige Familie als arm bezeichne, die mit 1873 Euro im Monat leben muss. Doch auch als gutverdienender Single-Journalist sollte man zumindest versuchen, einen Bezug zur Realität herzustellen. Balzter gelingt das nicht. 

Schlimmer ist jedoch seine Unkenntnis der Faktenlage. Doch was soll ich groß erklären. Lassen wir doch Foristen bei faz.net zu Wort kommen, die sich dieses abstrusen Machwerks bereits angenommen haben:

Andreas Maier: Verwegen -  Armut nun einen Einkommensunterschied zu nennen ist auch irgendwie verwegen. Klar, im Verhältnis zu Rumänien etc. ist die Armut bei uns Luxus ... nur mit einigen Hundert Euros im Monat auskommen, kann in Deutschland sehr hart sein. Warum ist der Aufschrei über den Mindestlohn so groß, wenn doch die Löhne so "üppig steigen" ? Wohlgemerkt 8 Euro die Stunde ! Wenn überhaupt, dann gilt das für Beschäftigung in einem Tarifbereich ... wissen Sie wie viele Bereiche gar nicht mehr in einem Tarif sind ? ---- Warum ist Deutschland inzwischen der Schlachthof Europas ? Nicht weil bei uns so gern Fleisch gegessen wird, sonder weil dort Menschen für einige Euros die Stunde arbeiten ... Werkverträge machen dies möglich. --- Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Europas ... und Niedriglohn bedeutet, dass man z.B. nach Stück bezahlt wird, wie der Paketbote oder das Zimmermädchen ... wo man dann real auf 3 Euro die Stunde kommt. --- Sorry Herr Balzter, da fehlt mir das Realitätsbewußtsein. 

Anton Wolter: Und schon wieder -  Die Löhne steigen(Rekordgehälter), der private Konsum kennt kaum noch Grenzen(Deutscher Konsumrausch). Ein Artikel dessen Aussage auf dieser Grundlage aufbaut dient nur der Kampagne. Sehen Sie sich die realen Einzelhandelsumsätze an, sehen Sie sich die realen Lohnsteigerungen an, der letzten ZWANZIG JAHRE.Da ist eine Gerade flach wie ein Brett, das stört hier aber niemanden der etwas schreiben darf. Warum? 

Eckbert Reinhardt: Wer so argumentiert wie der Artikel hat eindeutige Absichten! -  Und das ist nicht Aufklärung! Eine seriöse Statistik ermittelt den Median, und nicht banal den Mittelwert von allen Einkommen. Also ist das Argument, das Durchschnitteinkommen wäre zu hoch berechnet, wegen der Einbeziehung von Millionären oder ähnliches Quatsch! Die 12 Millionen Menschen, die nicht von ihrer Arbeit leben können gehen nicht zum Spaß zusätzlich zu ihrer Arbeit auch noch zum Jobcenter und beantragen Aufstockung, oder zum Sozialamt und beantragen Wohngeld, Grundsicherung oder Hilfe zum Lebensunterhalt - sondern weil in Deutschland mittlerweile Millionen Menschen leben, die nicht mehr klar kommen, trotz Arbeit, trotz Rente. Und wer das mit einer falschen Erklärung von der Funktionsweise von Statistiken versucht wegzuargumentieren handelt unredlich und hat etwas ganz anderes im Sinne - der blöden Masse zu erklären, "uns geht es doch gut!" - Und das stimmt eben nicht mehr für viele! 

Erhard Koch:  Ein Bericht von einem anderen Planeten .Definitionen und Statistiken sind das Eine, die Realität das Andere. Was die monetäre Armut angeht, so dürfte dieser Artikel ein Schlag ins Gesicht alll derjenigen zu sein, die die eigentlichen Leistungsträger eines Volkes sind und somit die eigentlichen Grundlagen einer Gesellschaft legen: Nämlich die Familien. Warum werden Mütter nich auf Händen getragen und deren Lebensabend vergoldet? Die Allermeisten von ihnen werden mit erbärmlichen Renten abgespeist. So manche Rentner kommen finanziell nicht mehr klar. Tendenz steigend. Kinder sind im Stellenwert in einer der untersten Kategorien eingeordnet. Kindergärten, Schulen und Bildungssystem sind in fragwürdige Zustand. Die meisten Eltern sind auf zwei Einkommen angewiesen und sind dadurch genötigt, ihre Kinder in Verwahranstalten abzuliefern anstatt den Kindern die notwendige Ruhe und Nestwärme bieten zu können. Diese sind Voraussetzung für in sich ruhende und innerlich starke Kinder. Zur monetären Armut tritt somit noch die geistige Armut und immer größere Bildungsferne dieses Volkes hinzu... 

Peter Myer: Falsch!  man muß kein linker umverteiler sein um zu sehen, die armut nimmt natürlich zu, die vermögenpreise steigen auf breiter front - damit u.a. mieten. die mär, wir hätten kaum inflation ist so hanebüchen wie falsch. die lebenshaltungskosten sind massiv gestiegen - die löhne haben damit nicht schritt gehalten, der wohlstand geht massiv zurück. im übrigen auch das eine folge des euros und der damit einhergehenden schuldenunion.. die sozialdividende eine rstarken hartwährung wurde von der politik mutwillig zerstört. richtig lustig wird es erst, wenn die ganze altersvorsorge sich auflöst . auch hier sage ich "danke" zu den verantwortlihcen politikern und ihren ezbhelfern. 

Klaus Bering: Ich nehme den Autor gern auf eine Rundreise in Deutschland ...  ... durch die Suppenküchen mit.


Diese Leserkommentare sind zwar selektiv ausgewählt, geben jedoch den überwältigenden Grundtenor wieder, der von mehr als 80% der Kommentare geteilt wird. Bezeichnend ist, dass es hier nicht um Meinungsverschiedenheiten in der einen oder anderen Sachfrage geht. Auch die gibt es, vor allem zur Unterscheidung von Durchschnitt, arithmetischem Mittel und Median. Diese Dinge verblassen jedoch angesichts der Empörung und der Ungläubigkeit, die diese Art von Tendenz-Journalismus bei vielen Lesern zurücklässt.

Die Leser fühlen sich veräppelt. Glaubt Balzter, die Leser merkten nicht, wie tendenziös sein Artikel ist? Wie unzweideutig er die Fakten, die nicht in sein Weltbild passen, passend machen will? Es ist diese Art des Tendenzjournalismus, der die allgemeine Politikverdrossenheit um eine Presseverdrossenheit bereichert. Wohl gemerkt: Balzter agiert hier im Kleid des objektiven Journalisten. Er bemüht statistische Erklärungen, um seinen Standpunkt zu untermauern. Er verdreht Fakten und Tatsachen: Das kann niemand mehr objektiven Journalismus nennen!

Balzter könnte auch einfach schreiben, dass er persönlich nichts vom Paritätischen Wohlfahrtsverband hält. Oder dass er es so tragisch nicht findet, dass ein paar mehr Menschen arm sind. Er könnte aufrichtig die Ansicht vertreten, es sei in Ordnung, dass die Gesellschaft hierarisch organisiert ist und sich dies auch in den Einkommen niederschlägt. Doch das tut er nicht. Stattdessen unterstellt er dem Verband, er trickse mit Statistiken, um seine Wahrheit an den Mann zu bringen.

Das ist das Perfide an Balzters Berichterstattung. Sie ist unredlich, unseriös und folgt einem hässlichen Trend, den man bei der F.A.Z. offenbar (siehe Bernau) gezielt verfolgt. Angesichts dieser Entwicklungen darf man sich eigentlich nicht wundern, dass sich in der Bevölkerung der Eindruck verstärkt, man habe es mit einer "gesteuerten" oder gar, in Teilen,  mit einer "Lügenpresse" zu tun.

Wundern muss einen eher die Empörung über diesen Begriff, die die etablierten Medien (wie die F.A.Z.) wie eine Monstranz vor sich hertragen. Schnell macht man den Pegida-Pöbel verantwortlich, schiebt derlei Gebaren auf "bildungsferne Schichten" und diagnostiziert "diffuse Ängste". So macht man sich es in den Redaktionsstuben einfach. Doch das Misstrauen in etablierte Presseorgane ist viel weiter verbreitet. Davon zeugen Leserkommentare, Blogs und ein Dschungel an alternativen Medien, deren Popularität rasant wächst.

Leider scheint es so, als entwickelte sich die F.A.Z. zum Werkzeug einer Ideologie. Die Artikel von Patrick Bernau und Sebastian Balzter lassen wenig Gutes hoffen. Im Zeitalter der Transparenz, der Foren, Kommentare und Blogs wird es für sie jedoch immer schwerer, ihre als Nachrichten deklarierten Pamphlete unkommentiert unters Volk zu bringen.