Dienstag, 15. November 2011

Plasbergs intellektueller Burnout in "Hart aber fair"

Gestern lief "Hart aber fair" im Ersten. Thema war "Burnout". Ich habe das Gefühl, jede Talkshow in Deutschland hat dieses Thema in den letzten Wochen, nach der Öffentlichmachung Ralf Rangnicks Burnouts, mindestens einmal behandelt. Das ist übertrieben, aber an sich ja noch nicht schlecht. Schlecht, weil polemisch und oberflächlich war die Sendung von Frank Plasberg.
Warum? Erstens wurde unterstellt, Burnout-Patienten würden ihre Erkrankung oft nur vortäuschen, Burnout sei eine "Modeerkrankung". Es wurden diverse Einspielfilmchen gezeigt, so z.B. ein mit versteckter Kamera gedrehter Beitrag eines ZDF-Teams, das herausfinden wollte, wie leicht man sich bei Hausärzten krank schreiben lassen kann. Natürlich - oh Wunder - ging das ziemlich leicht (wäre ein anderes Ergebnis herausgekommen, hätte das ZDF es ja auch nicht gezeigt). Die Ärzte fragten ein-, zweimal nach und schrieben die sich als Patientin ausgebende Reporterin folgerichtig krank. Diese hatte zum Beispiel angegeben, sie leide unter "Stress" und brauche mal ein paar Tage Entspannung. Dies wurde nun von "Hart aber fair" als Argument für die These angeführt, "Burnout" sei eine Modeerkrankung.
Das ist meiner Meinung nach Unfug. Erstens hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun. Wie jeder weiß, schreiben Ärzte einen auch krank, wenn man sagt, man sei erkältet, habe Magenschmerzen oder starkes Kopfweh. Ärzte gehen nun mal davon aus (und müssen es auch), dass Patienten sie nicht anlügen. Vertrauen ist nun mal die Basis, und wenn ZDF-Reporter denken, sie hätten die leichtgläubigen Ärzte überführt, wenn sie sie dreist anlügen, dann haben sie sich getäuscht. Natürlich gibt es immer wieder Leute, die sich aus Faulheit krankschreiben lassen. Soll die Konsequenz aus diesen leidlichen Einzelfällen sein, dass man überhaupt niemanden mehr krankschreiben darf?
Ein weiteres Einspielfilmchen der Propaganda-Redaktion von "Hart aber fair" zeigte einen Fragebogen zu etwaigen psychischen Erkrankungen. Dieser Fragebogen war so gestaltet, dass schon bei geringfügigen Anzeichen von Depression oder Antriebslosigkeit ein beratendes Gespräch mit dem Psychologen angeraten wurde. Plasberg nutzte auch dieses völlig einseitige Filmchen, um den anwesenden Psychologen zu fragen, inwieweit die Psychologen denn hier eine Nachfrage nach Therapien künstlich erzeugten. Er und seine Redaktion hätten den Test gemacht, und alle wären ein Fall für ein Beratungsgespräch gewesen. 
Ich persönlich finde das nicht überraschend, da ich Plasberg für einen inkompetenten Workaholic halte, aber das nur nebenbei. Der Psychologe stellte ruhig und sachlich klar, dass die Nachfrage nach Psychotherapien in den letzten 20 Jahren viel größer geworden sei und man in Deutschland froh sein müsse, so gut aufgestellt zu sein, was Psychologen angehe. Er entgegnete der böswilligen und haltlosen Unterstellung Plasbergs damit hervorragend. Als Zuschauer hatte man spätestens hier den Eindruck, dass die ARD in Form von Frank Plasberg hier Patienten und Ärzte verunglimpfen will. 
Plasberg, dies ist mir nicht zum ersten Mal aufgefallen, wird auch oft persönlich. Das ist eine seiner vielen menschlichen Schwächen, neben seiner Unsouveränität, wenn er selbst im Fokus steht. Einen seiner Gäste, den Anwalt Helmut Naujoks, sprach er gleich zweimal stichelnd auf sein Übergewicht an, was völlig unnötig war, denn das Thema der Sendung hatte mit körperlichen Gebrechen nur am Rande zu tun. Plasberg tat das subtil und Naujoks nahm es mehr als gelassen. Plasbergs schlechter Stil offenbarte sich hier jedoch einmal mehr. Naujoks, der schon einmal Gast der Sendung war, wurde als arbeitgeberfreundliches Pendant zum Psychologen und zur stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Baden-Württembergs eingeladen. Wie erwartet nahm er die Position ein, dass viele Arbeitnehmer Krankheit vortäuschten und dem Arbeitgeber damit schadeten. Das war klar, schließlich bietet Naujoks ja auch Seminare zum Thema "wie werde ich meine Mitarbeiter los?" an.
Dies ging übrigens ebenfalls aus einem Einspieler hervor, der rein gar nichts mit dem Thema zu tun hatte, sondern sich schlicht auf Helmut Naujoks Tätigkeit als Arbeitgeberanwalt konzentrierte und ihn diffamieren sollte. Ich weiß nicht, wozu dieser Einspieler gut war. Er war unsachlich, am Thema vorbei und sollte vermutlich einfach irgendwie polarisieren. Für Naujoks war es nichts als gelungene Eigenwerbung, schließlich sitzt er ja genau deshalb in Talkshows. Kann ihm doch egal sein, um was es thematisch überhaupt geht.
Plasberg versuchte, ganz seinem Charakter entsprechend, natürlich auch nicht eine sachliche Diskussion zum Thema Burnout zu führen, die dem Zuschauer dienlich sein und eine tolerante Einstellung zu psychischen Krankheiten fördern könnte. Statt dessen versuchte er durch die genannten Einspielfilmchen einen Keil zwischen die SPD-Frau und den Psychologen auf der einen und Rechtsanwalt Naujoks auf der anderen Seite zu treiben. Da Plasbergs Gehirn wohl auf diesem Dichotomie-Niveau funktioniert, folgten die Fragen dem Muster böser Arbeitgeber/guter Arbeitnehmer oder eben guter Arbeitgeber/böser Arbeitnehmer. Auf dem Planeten Plasberg ist der Chef entweder ein menschenschindender Tyrann ohne Seele, oder der Arbeitnehmer ein fauler Hypochonder.
Die Sendung hatte keine Struktur, Antworten auf Fragen zum Thema blieben einmal mehr aus. Stattdessen wurde auf Polemik und Unsachlichkeit gesetzt. 
Sendungen zum Thema Burnout kommen, das ist eine goldene Regel, nicht ohne eine Referenz zum Thema Robert Enke aus. Auch die einfallslose Plasberg-Redaktion musste natürlich darauf zurückgreifen, um eine Überleitung zu Ex-Profifußballer Andreas Biermann zu finden, der seine Erkrankung (Depressionen) vor zwei Jahren als einer der ersten Fußballer öffentlich gemacht hatte. Biermann ist ein interessanter, sympathischer Mann. Seine Geschichte kannte ich allerdings bereits aus dem "Nachtcafé" (SWR) vom Oktober. Dort war Biermann in die Runde organisch eingebunden. Plasberg sprach separat mit ihm. "Warum?", fragte ich mich?
Weil er Depressionen hat/hatte? Diese separate Behandlung kam mir auf erschreckende Weise symbolisch vor. Der Kranke bekommt einen Extra-Tisch. Natürlich war Plasberg das nicht bewusst, doch diese Sonderbehandlung verrät viel über ihn und die Mentalität seiner Redaktion. Hier bewies Plasberg, dass er selbst wohl noch nicht die Reife hat, mit psychischen Problemen umzugehen. Dies fiel mir vor allem deshalb auf, weil meines Wissens "Hart aber fair" sonst nie einen Gast hat, der neben dem Panel eine Sonderbehandlung erfährt.
Zum Schluss möchte ich noch auf Tim Mälzer eingehen. Er war der vierte Gast in der Runde, den ich bislang noch nicht erwähnt habe.
Ich finde es gut, wenn Prominente über ihre psychischen Krankheiten sprechen und so Tabuthemen enttabuisieren, solange sie sich nicht darüber produzieren und profilieren wollen. Mälzer ist authentisch, und er ist als Burnout-Patient absolut glaubwürdig, auch wenn ich seine Kochshows nicht ausstehen kann und ich ihn oft nicht verstehe, weil er so unglaublich schnell redet.
Ich fragte mich gestern nur: warum sitzt Mälzer in einer Talkshow im Fernsehen, obwohl er am nächsten Tag (laut eigener Aussage) nach Mallorca fliegt. Er erwähnte zudem, dass seine Freundin ihn gebeten habe, doch heute (also gestern) noch "einen Abend bei ihr zu Hause zu bleiben". Ist es nicht merkwürdig, dass jemand lieber zu "Hart aber fair" ins Studio fährt um öffentlich über sein Burnout-Problem zu sprechen, als einen Abend privat zu verbringen, bevor man tagelang wegfliegt?
Ist das nicht auch ein typischer Fall von "nicht abschalten können"? Ich persönlich glaube sowieso, dass wenn man im TV über sein Privatleben spricht (und über dessen Probleme), man ein großes Problem hat. Tim Mälzer zu beobachten war ein bißchen traurig, weil man einfach nicht das Gefühl hat, dass er sein Problem im Griff hat. Den Beweis dafür hat er mit seiner Anwesenheit in einer der schäbigsten, polemischsten Sendungen geliefert, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen derzeit zu bieten hat.






 
























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