Mittwoch, 2. November 2011

Stefan Aust, die trivialisierte "Zeit" und die Ursache

Stefan Aust geht zur "Zeit". Eine seltsame Personalie. Kann einer, der mal Chef des Spiegel war, sich einfach einreihen in einer anderen Redaktion? Laut Bericht der Süddeutschen ist er ja nicht der erste Ex-Chefredakteur, der in die Fänge von Givanni "Entertainment trumps journalism" di Lorenzo gegangen ist.
Auf der anderen Seite wundert es kaum, dass di Lorenzo mehr an Namen interessiert ist denn an Inhalten. Flaggschiff des Hamburger Pseudo-Intellektuellenblatts ist ein Ü-90-jähriger Kettenraucher. Wenn das mal nicht Symbolwirkung hat. Nun wird schon wieder ein altes Schlachtross verpflichtet. Im Vergleich zu Altkanzler Schmidt ist Aust mit seinen 65 Jahren ja schon fast ein Greenhorn. Vielleicht bereitet di Lorenzo schon mal langsam die Nachfolge im Amt der dauerqualmenden, allwissenden grauen Eminenz vor. Vielleicht hat er sich auch gar nicht viel dabei gedacht.
Denn wie gesagt: die Zeit hat ein Inhaltsproblem, ihr fehlt es an Kontur, an Profil, an der Ausrichtung. Und vor allem an Niveau.
Wo hätte man vor 10, 15 Jahren wohl eine lange und breite Diskussion darüber erwartet, wer Haribo-Pressesprecher Thomas Gottschalk als Frontmann des Samstag-Abend-Verdummungsprogramms "Wetten,dass..." beerben soll? Vielleicht in der Gala, der Bunten oder in Bild der Frau? In Blitz- oder Super Illu? Oder im Panorama der Sueddeutschen?
Bestimmt nicht jedoch in der Zeit!
Zumindest nicht in der Zeit eines Roger de Weck, Robert Leicht oder Josef Joffe. Da der Frauenversteher die Lorenzo jedoch seit sieben Jahren die Zügel in der Hand hat und die Trivialisierung eines einst ernstzunehmenden Blättchens mit hemmungsloser Vehemenz vorantreibt, durfte man vor kurzem genau dieses Thema in aller Ausführlichkeit im Feuilleton behandelt sehen.
Was ist los in Hamburg? Hat di Lorenzo keine Zeit, sich ums Recherchieren zu kümmern, weil er in seiner Prominentensendung 3 nach 9 bei Radio Bremen genug zu tun hat? Oder ist er einfach wirklich nicht an Themen interessiert? Leider kann man nur spekulieren.
Ich denke, di Lorenzo hat einfach nicht den Überblick, das Format und die intellektuelle Größe, ein wirklich gutes Wochenmagazin herauszugeben. Seinen Vorstellungen zufolge ist die "Zeit" wohl ein wirklich gutes Produkt, so weichgewaschen, so schwammig wie sie daherkommt.
Für alle Leser mit Geschmack gibt es nur eine Möglichkeit: auf die Wachablösung warten. Di Lorenzo wird - seiner aus jeder Pore quellenden Eitelkeit Rechnung tragend - früher oder später so oder so ganz ins TV wechseln - der Leser wird's danken!
Bis dahin ist die Zeit noch mit größter Vorsicht zu genießen.

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