Montag, 19. Dezember 2011

Die RightMinds, die Daily Mail und was die Engländer von der EU denken

Wer sich in den letzten Tagen nach dem britischen Veto auf dem EU-Gipfel (oder schon viel länger) gefragt hat, warum die Engländer so vehement auf ihrer Souveränität und Unabhängigkeit von der EU beharren (in der sie paradoxerweise ja trotzdem Mitglied sind), der findet in der RightMinds-Sparte der Daily Mail etliche Antworten.

Diese Abteilung der in Deutschland oft als das Blatt der Kleinbürger verspotteten Tageszeitung ist ein Sammelsurium von Bloggern und Kolumnisten, die der Hass auf das europäische Projekt, das Mißtrauen gegenüber allen EU-Politikern und der unterschwellige (manchmal auch offen ausgesprochene) Verdacht, Deutschland wolle wieder eine Führungsmacht in Europa werden, eint. Hinzu kommt die offenkundige Sehnsucht nach einem längst vergangenen Empire, dem die RightMinds hinterhertrauern oder das sie versuchen, wieder heraufzubeschwören.

Dabei schwankt das Niveau in der Berichterstattung erheblich. Peter Hitchens z.B., der Leitartikler der Mail on Sunday, der ebenfalls den RightMinds angehört, argumentiert noch relativ vernünftig gegen eine Übermacht der Technokraten aus Brüssel und für eine Stärkung britischer Unabhängigkeit.


Bei Peter McKay hingegen sieht die Sache schon ein wenig anders aus


"The Germans express contempt for what they see as their soft, workshy southern Mediterranean neighbours, who, in turn, rage against Germany’s seeming determination to micro-manage their economies."


Schon im dritten Abschnitt fängt eine subtile Hetze an. Hauptaussage seines Stückes ist seine verquere Meinung (basierend hauptsächlich auf weitgehend unbegründeten Annahmen), dass die Franzosen in Wirklichkeit gar nichts gegen die Engländer haben, sondern eigentlich die Deutschen nicht ausstehen können:


 
"Plus’s top-rated satire show regularly opens with a spoof address to the people of France ‘from your president, Angela Merkel’.
‘There are lots of learned articles in papers and magazines recapping Franco-German history for younger readers,’ reports my source there.
‘I have counted six pictures of Prussian spike helmets this week alone.’"


McKays "Quelle in Frankreich", wer auch immer das sein mag, hat also sechs Bilder von preußischen Pickelhauben in einer Woche im französischen Fernsehen beobachtet. Daher, so sein Schluss, müssen die Franzosen die Deutschen natürlich hassen. Dieses Argumentationsniveau zieht sich durch seinen gesamten Artikel.


Natürlich kommt McKay auch nicht umhin, die SS zu erwähnen, die im Zweiten Weltkrieg in griechischen Distomo ein Massaker an der Zivilbevölkerung verübte. Außerdem, so McKay, müsste die Bundesregierung die Schulden der Griechen zumindest zum Teil zurückzahlen. Denn ein "Kriegskredit", der damals von der griechischen Nationalbank erpresst worden war, sei immer noch nicht zurückgezahlt worden:


 
"On March 14, 1942, a team of German and Italian lawyers, in the absence of any Greeks, signed an agreement obliging the Bank of Greece to provide Germany with a ‘war loan’ of 476 million Reichsmarks (a currency which preceded the Deutschmark).
Seventy years later, not one penny of it has been repaid.
Economists (German, as it happens) have calculated that, allowing purely for inflation, Greece’s 1942 loan to Germany would today be worth £9 billion. But if one adds even a modest rate of interest of 3 per cent, then that debt increases to a staggering £60 billion."

So schnell kommt man im Universum von Peter McKay also von der aktuellen europäischen Schuldenkrise zu SS-Truppen in Griechenland und nicht zurückbezahlten Kriegskosten. So sieht also Populismus in Reinform aus. Wie gesagt: Die RightMinds weisen sehr große Unterschiede auf, was Sachlichkeit angeht. Sie sind zwar alle euroskeptisch, aber nicht jeder Kolumnist argumentiert so hanebüchen und schamlos wie McKay.


Trotzdem sollte man sich eher an Gestalten wie McKay orientieren, wenn man an der britischen Volksseele interessiert ist und nicht an den Meinungen des Establishments. Das ist in England leider nicht anders wie hier. Wenn Nikolaus Blome in der Bild-Zeitung über die Pleite-Griechen hetzt, weiß man (leider), was einige schon bald als Wahrheit über die griechische Gesamtbevölkerung akzeptieren werden. 


Einer der RightMinds, der die Dinge wenigstens ein bißchen differenzierter betrachtet, ist Simon Heffer. Er feiert Camerons Veto beim EU-Gipfel regelrecht:
 
"Mr Cameron’s decision to ‘isolate’ Britain looks more and more sensible, as the Sarkozy/Merkel deal has done nothing to change the fundamentals of the broken European economy.
And the distance he has put between us and the EU provides a wonderful opportunity for us to strike out in a different direction.
It becomes ever more clear, too, just what a massive opportunity there is for Britain, in developing trade and shaping our own foreign policy, as a result of our disenchantment with the European superstate.
We must urgently exploit our new-found sense of independence and not fret about finding a way to compromise with an EU that, through a series of self-inflicted wounds, is injured beyond healing."


Die neu entdeckte Eigenständigkeit der Briten könnte tatsächlich bald schon ein Vorteil für sie sein. Die EU scheint im Moment viel zu behäbig zu sein, um drastische, einschneidende (aber notwendige) Entscheidungen voranzubringen. Den Vorwurf, die Briten würden sich "isolieren", habe ich nie wirklich verstanden. Sie sind nach dem Veto nicht isolierter als vorher. Sie sind immer noch EU-Mitglied, haben nun aber ihren Standpunkt deutlich gemacht. Außerdem haben die Briten den immensen Vorteil, über ihre eigene Währung verfügen zu können. Es ist für mich mehr als verwunderlich, wie unkritisch die führenden Politiker in Deutschland den Euro immer noch beurteilen. Einerseits verbietet es sich zwar, über eine mögliche Währungsreform zu spekulieren. Andererseits stellt sich die Frage, ob man nicht doch einen radikalen Schnitt machen muss, um zu verhindern, dass die Euro-Krise zu einer jahre- oder jahrzehntelangen Hängepartie wird.


"We must reject the backward-looking, over-regulated, anti-democratic and corrupt Franco-German hegemony that has obsessed our political leaders since the early Seventies.
The EU is by its nature intensely introspective. While it has been busy navel-gazing, Europe has neglected to recognise, until it was too late, the effect the rise of new economic powers must have on its own cosy and over-priced cartel.
These powers — notably China, Brazil and India — are the engines of such growth as there is at present in the global economy. China also seeks to exploit the considerable mineral wealth of Africa, something that with our historic links to that continent we, too, should do."


Die europäische "Introspektion" ist tatsächlich ein wunder Punkt der EU. Das ist kein Geheimnis. Und trotzdem tritt diese Schwachstelle gerade in der Krise so offen zu Tage wie nie zuvor. Die Diagnose der EU - Behäbigkeit, Strukturprobleme, offene Zielfrage - ist seit langem klar. Die Lösung, der Weg, der eingeschlagen werden soll, ist jedoch so unsicher wie nie.


Die Briten stehen aus meiner Sicht trotzdem vor fast genau so vielen Problemen wie die EU: sie sind sich uneins, was den Verbleib in der EU und die internationale Ausrichtung per se angeht, ihre Produktionsbetriebe sind nicht mehr konkurrenzfähig, die Jugendarbeitslosigkeit ist auf einem Rekordhoch. Und wenn Heffer über neue Allianzen mit Brasilien, Indien und die Nutzung von natürlichen Rohstoffen in Afrika sinniert, fragt man sich, was genau diese Länder eigentlich von einer intensivierten Zusammenarbeit mit Großbritannien hätten. 


Fazit: Die Unsicherheit ist groß - in der EU sowie in Großbritannien. Als Schaufenster in die britische Seele sind die RightMinds für mich unentbehrlich. Man sollte sie aber gerade deshalb mit großer Vorsicht genießen - Beleidigungen sind (siehe oben) nicht nur möglich, sondern praktisch an der Tagesordnung.















Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Und immer wieder reitet die Wehrmacht durch die britischen Gazetten...oder die SS. Nichts Neues im Norden, würde ich sagen.

Anonym hat gesagt…

Wenn mir nur stichhaltige Pro-EU-Argumente einfallen würden (außer der Behauptung, ihre bloße Existenz würde Krieg verhindern), könnte man die britische Anti-Haltung auch einfach als Blödsinn abtun.
Sie haben aber eben auch gute Argumente für ihre "Isolation".

Dreyfus hat gesagt…

Eben. Es wird unter der populistischen Oberfläche auch durchaus sachlich diskutiert, siehe Peter Hitchens.