Solche oder ähnliche Sätze eines Dozenten, Seminarleiters oder dergleichen kennt wohl jeder irgendwoher. Und jeder hat sich auch schon mal vorstellen müssen.
Ein großer Unterschied besteht aber sicher darin, wie man auf diese Ankündigung reagiert. Ich zum Beispiel kann mir nicht vorstellen, dass jemand denkt: "Toll, endlich darf ich mich auch einmal persönlich einbringen und mich vorstellen!" Solche Leute gibt es ohne Zweifel. Ich bin genau das Gegenteil davon. Denn ich habe eine soziale Phobie.
Ich will in nächster Zeit öfter über das Thema schreiben, da es mich persönlich betrifft und neben anderen psychischen "Erkrankungen" bislang ein Schattendasein führt, obwohl neuere Studien darauf hinweisen, dass fast 10% aller Deutschen an mehr oder weniger starker sozialer Phobie leiden und eine noch höhere Prozentzahl einmal im Leben davon betroffen ist.
Was ist also eine soziale Phobie?
Eine soziale Phobie ist eine Angststörung:
"Menschen mit sozialer Phobie
meiden gesellschaftliche Zusammenkünfte, da sie fürchten, Erwartungen
anderer nicht zu erfüllen und auf Ablehnung stoßen zu können. Sie
fürchten, dass ihnen ihre Nervosität oder Angst angesehen werden könnte,
was ihre Angst oftmals noch weiter verstärkt. Begleitet wird die Angst
oft durch körperliche Symptome wie Erröten (Erythrophobie), Zittern, Herzrasen, Schwitzen, Atemnot, Verkrampfung, Sprechhemmung und häufige Versprecher, Schwindelgefühle, Derealisation und Depersonalisation, Beklemmungsgefühle in der Brust, Kopf- und Magenschmerzen, Durchfall, Übelkeit (Würgereiz) oder Panikgefühle."
Mir war bereits zu Schulzeiten klar, dass ich in manchen Situationen anders bin als meine Mitschüler. Der Schulunterricht war mir immer unangenehm. Ich fühlte mich beobachtet. Vor Referaten konnte ich tage- oder wochenlang nicht richtig schlafen, mich auf nichts mehr konzentrieren. Vor der Klasse vorzulesen oder eine Meinung zu äußern - bitte lieber nicht! Und wenn es doch sein musste, dann nur unter Hitzewallungen, Schweißtropfen auf der Stirn und pochendem Herzen.
Jetzt bin ich 29 und habe noch nicht fertigstudiert - meinen Redeängsten sei "Dank"; und Dank auch an meine Amygdala, auch "Mandelkern" genannt, dem Angstzentrum im Gehirn. Meinen "Wachhund" nannte mein Therapeut die Amygdala metaphorisch, und der sei bei mir eben "übereifrig". Das kann man so sagen!
Den Wachhund habe ich nicht unter Kontrolle - bis heute nicht. Die Auseindersetzung mit sozialen Ängsten ist ein Marathon, kein Kurzstreckenlauf - an diesen Gedanken habe ich mich gewöhnt. Eine Etappe habe ich letzte Woche aber hinter mich gebracht, als ich endlich wieder ein Seminar besuchte und eine Klausur schrieb. Ein kleines, aber wirksames Mittel namens Tavor, ein Benzodiazepin, half mir dabei.
"Überkompensieren" war immer das Stichwort meines Therapeuten, bei dem ich insgesamt 1 1/2 Jahre in Behandlung war (mit Unterbrechungen) bis meine Kasse nicht mehr zahlen wollte. Vorträge vor Fremden in der Stadt, sich extra idiotisch benehmen, viel zu laut völlig dummes Zeug von sich zu geben - all das sollte helfen, meine Furcht vor Ablehnung, Kritik und Zurückweisung zu entkräften.
"Überkompensieren" war immer das Stichwort meines Therapeuten, bei dem ich insgesamt 1 1/2 Jahre in Behandlung war (mit Unterbrechungen) bis meine Kasse nicht mehr zahlen wollte. Vorträge vor Fremden in der Stadt, sich extra idiotisch benehmen, viel zu laut völlig dummes Zeug von sich zu geben - all das sollte helfen, meine Furcht vor Ablehnung, Kritik und Zurückweisung zu entkräften.
Das war effektiv - leider nur zeitweise. Die Angst kam zurück - und blieb bis heute.
2 Kommentare:
hi Chef Inspektor Dreyfus -
hast du schon mal deinen hormonspiegel prüfen lassen? (vielleicht fehlt testosteron) - hast du niedriegen blutdruck? - dann solltest du täglich 500-1000 meter schwimmen gehen - ich muss bei diesem thema immer an die millionen betroffenen denken, die nicht mit öffentlichen verkehrsmitteln fahren können und täglich allein im stau stehen
Hallo, erstmal danke für die Anregung. Nein, habe ich nicht, aber von einer Homöopathin wurde mir geraten, meine Schilddrüsenwerte untersuchen zu lassen, da die Unterfunktion der Schilddrüse scheinbar mit sozialer Phobie zusammenhängt. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das noch nicht habe machen lassen, aber es mir vorgenommen habe.
Bei der Gelegenheit könnte ich meinen Hausarzt dann auch gleich wegen des Blutdrucks fragen und der Hormonwerte. Beim Blutdruck kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass er zu niedrig ist, bei den Hormonwerten kann ich's mir nicht vorstellen.
Zum Glück ist meine soziale Phobie nicht so stark ausgeprägt, dass ich öffentliche Verkehrsmittel meide. Aber da ich auch in entsprechenden Foren aktiv bin, kenne ich genug dieser Fälle und auch mir tun diese Menschen sehr leid.
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