Montag, 30. April 2012

Anmaßend und peinlich: Deutsche Politiker im "Fall Timoschenko"

Oh Gott. Wie peinlich ist das denn mal wieder? Beim Auftreten deutscher Politiker im Fall Timoschenko muss ich bekennen, frei nach Christian Wulff physische Schmerzen zu empfinden, wenn ich mir die wieder einsetzenden Empörungsreflexe deutscher Politiker vergegenwärtige.

Julia Timoschenko, ehemalige ukrainische Präsidentin, sitzt in Haft, und viele deutsche Politiker üben sich mal wieder im Volkssport Empörung, die einzige Sportart, in der durch die Fraktionsbänke hindurch alle Abgeordneten seit Jahren auf Champions-League-Niveau spielen.

Es tauchen Fotos von Timoschenko auf. Sie hat blaue Flecken am Körper. Vielleicht wurde sie geschlagen, grob angefasst. Mehr weiß man nicht. Man weiß auch nicht, wie diese Fotos an die westliche Öffentlichkeit gelangt sind. Wäre es einer Diktatur wie der Janukowitschs nicht viel pässlicher, solche Fotos nicht zu veröffentlichen? Wer konnte sie überhaupt machen? Wir wissen außerdem durch die mediale Dauerbeschallung mittlerweile, dass die heilige Julia in Hungerstreik getreten ist und sich ihr Gesundheitszustand angeblich rapide verschlechtert habe, weshalb sich nun auch ein besorgter Charité-Arzt bereiterklärt hat, Julia Timoschenko zu behandeln (und dies heute im Morgenmagazin natürlich auch breittreten musste - wieder mal die Frage: warum?).

Da waren die Kanzlerin und ihr Orbiter Norbert Röttgen natürlich gleich mit von der Empörungspartie, taten's Joachim Gauck gleich und rieten sogleich allen deutschen Politikern, doch besser der anstehenden Fußball-EM in der Ukraine fernzubleiben. Mir stellten sich angesichts dieser abstrusen Forderung zwei Fragen: erstens, warum reisen Politiker überhaupt zur Fußball-EM? Gibt es nicht in Deutschland genug Probleme zu lösen? Und ist es nicht etwas anmaßend zu denken, dass, wenn kleine Nummern wie Röttgen nicht zu Janukowitsch in die Ukraine reisen, sich irgend etwas zum Besseren änderte?

Zweitens: in der Ukraine sind tausende Menschen eingesperrt, über die Bedingungen weiß ich wenig, es ist aber nicht anzunehmen, dass ausgerechnet Julia Timoschenko eine unmenschliche, sadistische Behandlung erfährt und der gewöhnliche Ukrainer (sprich der, der nicht, wie Timoschenko, durch dubiose Ölgeschäfte in den Neunzigern reich wurde) und die gewöhnliche Ukrainerin in luxuriösen Zellen mit Klimaanlage und Satellitenfernsehern sitzen. Nein, auch für die gewöhnlichen Insassen gelten wohl jämmerliche Haftbedingungen, denn auch sie leiden schließlich unter der Diktatur Janukowitschs. Doch Merkel, Röttgen und Co. hätte das wiederum nicht als Grund ausgereicht, nicht in die Ukraine zu reisen. Da musste schon ein VIP her, ein Promi, eine schöne Timoschenko, die auch auf bild.de ihren Platz findet. 

In anderen Worten: deutsche Politiker boykottieren internationale Sportveranstaltungen nicht, weil sie autokratische politische Verhältnisse und miserable Haftbedingungen im Allgemeinen ablehnen. Sie boykottieren Sportveranstaltungen dann, wenn sich prominente Öl-Oligarchen theatralisch und medienwirksam (über die Tochter vermittelt) selbst inszenieren. Siehe Chodorkowskji, siehe die Farce um den chinesischen Künstler Ai Weiwei, um dessen Schicksal ebenfalls ein nationaler Empörungswettbewerb bis dahin ungekannten Ausmaßes ausgebrochen war.

Es ist alles eine Farce. Ja, die Ukraine ist eine Diktatur. Das wusste man schon vorher. Das hätte auch UEFA-Präsident Platini wissen müssen, als er die mutige Entscheidung traf, die EM dorthin zu verlegen, eine Entscheidung, die ich noch nie nachvollziehen konnte. Warum hat sich eigentlich bis vor einer Woche, kurz vor der EM, niemand daran gestört?

Deutsche Politiker haben als solche bei Europameisterschaften nichts verloren. Sie sind Politiker, keine Fußballfunktionäre. Wenn sie Fans sind, sollen sie Urlaub nehmen, sich regulär um ein Ticket bewerben und hinfahren. Deutsche Politiker sollten zudem endlich aufhören, Diktaturen bekehren zu wollen. Es ist peinlich, anmaßend und hat noch nie funktioniert (eher wurde das Gegenteil erreicht und eine Trotzreaktion seitens der Dikatur hervorgerufen). Außerdem lenkt es von ihrer richtigen Arbeit ab. Diktaturen implodieren entweder irgendwann (UdSSR), oder eben nie (Nordkorea). Das ist der Lauf der Dinge. Daran wird auch und vor allem Norbert Röttgen nichts ändern können. Der kann ja nicht mal die Wahl in NRW gewinnen.

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