Donnerstag, 11. Oktober 2012

Jürgen Domian will seine Milch trinken und findet Veganer "verschwurbelt, idealistisch" und "fundamentalistisch"

In Jürgen Domians nächtlicher Talksendung "Domian", die eigentlich eine Radiosendung ist, aber auch im WDR Fernsehen übertragen wird, ging es gestern ums Thema "Fleisch".

Nach zwei hochinteressanten Gesprächen mit einem Mann, der kannibalistische Fantasien hat und gerne mal den Fuß einer Frau verspeisen würde und einem fructoseintoleranten Anrufer, der sich fast ausschließlich von Fleisch ernährt, sprach Domian mit Marius, einem Veganer.

Da Domian bereits in einer früheren Sendung mit einem Veganer gesprochen hatte und sich dabei als absoluter Ignorant erwiesen hatte (in diesem Thema zumindest), will ich hier kurz meine Kritik äußern.

Nachdem der Anrufer Marius erläutert, weshalb er Vegetarier geworden ist, geht er dann darauf ein, wie es zum nächsten Schritt kam und er Veganer wurde. Hier wird Domian ganz besonders aufmerksam. Denn Vegetarier sein könne er ja noch einigermaßen verstehen. Offenbar versteht er jedoch nicht, warum jemand ganz auf Tierprodukte verzichten will. Schon in besagtem Gespräch mit einem anderen Veganer hob Domian immer wieder auf diese Frage ab und zitierte dabei immer wieder eine imaginäre artgerecht gehaltene Bio-Henne, die ein Ei am Tag legt und der nichts zu leide getan wird. Warum, so Domian damals, sollte man nicht ein Ei von dieser netten Henne essen dürfen? Doch später dazu mehr.

Veganer sein, so Domian weiter zu Marius, dem Anrufer von gestern, sei ja schon "sehr krass, schon fast fundamentalistisch." Marius fühle sich dabei nicht sehr krass, versichert dieser. Warum auch? Schließlich ist Veganismus nur die konsequente gedankliche und praktische Fortsetzung des Vegetarismus. Nicht aber für Jürgen Domian. Warum dürfe er nicht die Milch von einer "tollen" Kuh auf dem Bio-Bauernhof trinken, jammert der Talkmaster und irrt sich im Folgenden mit der Aussage, Kühe müssten gemolken werden, was nicht stimmt. Domian scheint tatsächlich zu denken, die Euter der Kühe würden platzen, wenn man sie nicht melkt. Domian glaubt also, man tue den Kühen etwas Gutes, wenn man sie melkt. Er scheint dabei überhaupt nicht überlegt zu haben, warum Kühe überhaupt Milch produzieren - nämlich um ihre Kälbchen zu ernähren. Diese würden jedoch, so der vegane Anrufer Marius, kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt, um ihrerseits zu Milchkühen herangezüchtet zu werden; die Milch der Mutter, die diese eigentlich für die Kälbchen produziert, wird also auf einem pervertierten Umweg dem Menschen zugeführt, der - als einziges Säugetier weltweit - die Muttermilch eines anderen Säugetiers säuft. 

Diesen Zusammenhang illustriert der vegane Anrufer Marius gerade brilliant, als ihm Domian dazwischenfunkt. Domian ist es sichtlich zu viel geworden. Er ist nicht mehr auf der Höhe der Fakten, wurde vom kompetenten Anrufer eines besseren belehrt und hat jetzt keine Lust mehr. Will er sich seine morgendliche Milch nicht schlechtreden lassen, oder schmeckt ihm sein Bio-Steak zu gut? Auf jeden Fall unterbricht er den Veganer in seinem Redefluss: er respektiere seine Einstellung, so Domian, doch es sei ihm jetzt doch etwas zu "verschwurbelt-idealistisch". An erster Stelle, so Domian weiter, stehe immer die ordentliche Behandlung der Tiere (was insofern keinen Sinn macht, da der Anrufer ja gerade aufgezeigt hat, warum Kühe nicht ordentlich behandelt werden). Wenn sie diese Behandlung erfahren, dürften Tiere auch Nutztiere sein, und, jetzt wird es Zeit für das Totschlag-Argument, das Domian moralisch endgültig diskreditiert: der Mensch habe immer schon Fleisch gegessen, "gefressen manchmal auch". Für Domian ist das Gespräch gedanklich abgeschlossen. Marius' vernünftige Einwände gegen Domians "Menschen-haben-immer-schon"-Argument (Menschen hatten auch immer schon Homosexuelle diskriminiert, Herr Domian, bis es eben Mutige gab, die dies nicht mehr akzeptieren wollten) verpuffen beim Gummersbacher Seelentröster ohne Wirkung.

Der Mensch, so Domian ganz hilflos weiter, sei von Natur aus Fleischfresser. Doch ist der Mensch nicht von "Natur" aus Raubtier, Frauen-Vergewaltiger, sabbernder, sexgesteuerter Höhlenmensch? Solche Aussagen stimmen mich immer sehr nachdenklich. Was heißt es, wenn man sagt, Menschen seien von Natur aus egoistisch, gierig, eigensinnig? Natürlich sind Egoismus, Gier und Eigensinn Teile eines jeden Menschen. Doch jeder Mensch ist auch irgendwie sozial, hat schon mit anderen geteilt und an andere gedacht. Eine Pauschalaussage nach dem Motto "Menschen sind immer x,y,z" ist also vollkommen inhaltsleer, weil sie die Komplexität eines Sachverhalts so minimiert, dass sie keinen Wert mehr hat. Menschen haben übrigens nicht immer schon Fleisch gegessen. Über viele Millionen Jahre hatten sie nämlich gar nicht das Rüstzeug dafür (sprich Speere und andere Jagdwerkzeuge) und ernährten sich von Nüssen, Früchten und Gräsern.

"Also, Marius, du bist ein bißchen weit weg von mir (sic!), aber mir sind tausend Veganer tausend mal lieber als tausend Fleischesser, die sich aus der Massentierhaltung ernähren", schließt Jürgen Domian seine intellektuell-moralische Bankrotterklärung schiedlich-friedlich ab. Innerlich hatte er bereits lange vorher abgeschlossen. 



 

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