Sonntag, 21. Oktober 2012

Lieber Roman Deininger ("SZ"),

Anlässlich der Stichwahl zum Stuttgarter Oberbürgermeister an diesem Sonntag hat dich die "SZ" ja scheinbar nach Stuttgart geschickt.

Dort hast Du dich umgehört (hast Du's wirklich?), wolltest ein atmosphärisch dichtes Bild der Schwaben malen, wie sie ticken, wie sie denken, wie sie sind.
Heraus kam dann folgende Einleitung:
"Was koscht's und isch's was Rechts?", das sind die Richtschnüre, mit denen die Schwaben die Welt vermessen. Sie gelten als fleißig und konservativ - und genau deshalb wählen die Stuttgarter wahrscheinlich an diesem Sonntag einen Grünen zum OB."
Wirklich, Herr Deininger? Sind das die "Richtschnüre, mit denen die Schwaben die Welt vermessen"?

Und außerdem: weil sie als fleißig und konservativ gelten, wählen die Stuttgarter an diesem Sonntag einen Grünen zum OB? 

Nun ist mir nicht ganz klar, warum die "Süddeutsche Zeitung" einen Korrespondenten nach Stuttgart schickt (oder ihn dort fest installiert hat?), wenn sein Informationsbeitrag darin besteht, antike Vorurteile über die "Ethnie" der Schwaben wiederzukäuen. Gibt man hierfür beim "Süddeutschen Verlag" tatsächlich Geld aus? Und ich dachte immer, Printmedien und v.a. Tageszeitungen seien sowieso in der (Finanz-)krise? Da habe ich mich wohl geirrt.
Ehrlich, Deininger: du kommst ins moderne, junge, weltoffene Stuttgart (gut, nicht nur) und schusterst dann diese Einleitung zusammen?

Vielleicht bist Du, Deininger, ja auch schon über 80, und Dein Schwabenbild hast Du in den Nachkriegsjahren zusammengezimmert, als Filbinger und Co. noch schalteten und walteten und noch keine Neger Menschen mit Migrationshintergrund die Königsstraße säumten.
Doch vielleicht, Herr Deininger, liegt es ja auch daran: für ihren Bericht für die "SZ" sprachen sie nicht etwa mit repräsentativen Normalbürgern, und wenn, dann haben sie es uns verschwiegen.

Nein, sie gingen zu den "Rotariern": was auch immer die "Rotarier" sind, sie sind auf jedenfall, wie Sie selbst in ihrem Artikel konzidieren, so ziemlich das konservativste, was man landauf, landab finden kann. Zweitens rufen Sie bei einem Schwaben in Berlin an, Thomas Eigenthaler von der deutschen Steuergewerkschaft, der auch noch so dämlich ist, Ihnen alle Schwaben-Klischees, die sie sich erhofft haben, zu bestätigen:
"Thomas Eigenthaler sagt, es gebe zwei Richtschnüre, mit denen seine Landsleute die Welt vermessen: 'Was koscht's? Und: Isch was Rechts?'"
Haha, diese Schwaben! Stimmt's, Herr Deininger? Ihr für Stereotype zuständiges Hirnareal muss bei diesem Satz Luftsprünge gemacht haben! 

Ist es nicht toll, Herr Deininger, wenn man als Journalist in eine deutsche Landeshauptstadt reist, einen Rucksack voller Vorurteile dabei hat, dann genau zwei (!) Quellen für die Stimmung für die Definition des Charakters eines Volkes zitiert, die dann auch noch rein zufällig - ups - ziemlich konservativ (schwäbisch eben!) sind, und dann - oh Wunder - zu der "Erkenntnis" kommt, dass Schwaben ja tatsächlich bodenständig, brav und geizig sind?

Ist das nicht wahrer investigativer Journalismus, sich die große Mühe zu machen, seine eigenen Vorurteile mit zwei Quellen zu bestätigen? Toll gemacht, Deininger!

Ja, ich weiß: eigentlich ging es in dem Artikel ja nicht nur darum, wer und was Schwaben sind. Eigentlich wolltest Du erklären, warum Schwaben plötzlich grün sind, und wie die grünen Schwaben ja eigentlich die wahren Konservativen sind. Rabarber, Rabarber.

Ein Tipp für die Zukunft: bleibe ein, zwei Tage länger in der Stadt. Sprich auch mal mit Menschen unter fünfzig (vielleicht sogar mit Studenten?). Besuche das Lehenviertel, das Heusteigviertel, nicht den Rotarierklub. Das ist Dir zu mühsam? Du hast Angst, deine Vorurteile könnten ins Wanken kommen? Tut mir leid. Ich dachte, das sei eine Aufgabe im (guten) Journalismus. Bei der "Süddeutschen Zeitung" scheint das nicht zu gelten.



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