Montag, 20. Mai 2013

Verschwörung gegen "Cascada" oder Quittung für groteske Wuchtbrumme mit ADHS?

Alle fragen sich, warum "Cascada" beim ESC in Malmö "nur" 18 Punkte zugeschrieben bekam. Die wildesten Verschwörungstheorien machen die Runde, und auf bild.de wird spekuliert, in wie weit Angela Merkels Politik wohl etwas mit dem erbärmlichen Resultat zu tun hat. Werde Deutschland etwa für "Muttis" Politik bestraft? Wird hier ein Rachefeldzug geführt, dessen Schlachtfeld die virtuelle Punktevergabe beim größten europäischen Gesangswettbewerb darstellt?

Meine Antwort: könnte sein! Wäre ich Grieche, würde ich meine politischen Ressentiments vielleicht auch beim Telefon-Voting ausleben. Warum eigentlich nicht? Schließlich sind Merkel und Schäuble nun man dafür verantwortlich, dass alte und sozial schwache Griechen hungern, dass die Massenarbeitslosigkeit bei Jugendlichen keine Aussicht auf Linderung hat und dass Deutschland als eisiger Hegemon bar jeder sozialen Ader wahrgenommen wird. Dasselbe gilt für Spanien, Frankreich, Italien, Portugal. Nur eurokratische Ideologen oder deutschtümelnde Chauvinisten sind in diesem Jahr noch anderer Ansicht, sprich: Unverbesserliche.

Ich glaube trotzdem nicht, dass eine paneuropäische Verschwörung hinter "Cascadas" Abschneiden steckt. Natalie Horler wirkt wie eine unsympathische, prollige Wuchtbrumme. Ich könnte mir gut vorstellen, dass eine "Stimmungskanone" und "Rampensau" wie Horler in Mallorca gut ankommt. Mittelgebildete, trinkfeste Ruhrpöttler, für die lautes "Paaaaaaaartyyyyy"-Rufen und Eimertrinken der Inbegriff der sinnvollen Abendgestaltung sind, finden "Cascada" sicher ganz toll. Ihr seltsam verzerrtes Gesicht, ihre mannsweibhaftes, energisches Auf- und Abspringen, ihr insgesamt völlig überzogenes und hohles Gebaren ist nun mal ein typisch germanisches, man könnte auch sagen: barbarisches, und nur hier findet es seine Fans. Auf einer baurigen Festzeltveranstaltung auf der Schwäbischen Alb, einer Riesenhalle im Ruhrgetto zwischen Essen und Bottrop oder einem Festival in der brandenburgischen Einöde gibt es sicherlich nicht wenige "Camp David" tragende Hartz IV-Anwärter, die in "Cascada" eine gelungene Mischung aus schlechtem Grölgesang und Pamela Anderson für Arme sehen. Aber eben auch nur da.

Mich wundert aus diesem Grund eher, warum die blonde Hüpfdole überhaupt 18 Mitleidspunkte auf sich vereinigen konnte. Wie kann man erwarten, dass beim gleichen Wettbewerb, den vor drei Jahren eine unbekümmerte, schlicht gekleidete Schülerin namens Lena gewann, drei Jahre später das genaue Gegenteil einen Erfolg verbuchen könnte: ein kühl berechneter "Act" namens "Cascada", unsympathisch, laut und schwer, sehr deutsch, mit einem Song, der so viel Charakter und Originalität hat wie Käseaufschnitt von "ja"?     

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