Freitag, 5. Juli 2013

Militärcoup in Ägypten, Demokratie und Monarchie; die kognitive Dissonanz der Medien

Es ist schon bemerkenswert, wie deutsche und internationale Medien auf den Militärputsch reagieren, der in Ägypten stattgefunden hat. In Ägypten regiert jetzt wieder das Militär, mitsamt einer von ihm eingesetzten Präsidentenmarionette. Der demokratisch gewählte Präsident Mursi wurde gefangen genommen. Ist das nicht toll? Ist das nicht schön, dass mal wieder alles über den Haufen geworfen wird? 

Die Medien in Deutschland scheint das nicht zu stören. Ansonsten wird ja immer schön die Demokratie hoch gehalten, unser ach so überlegenes, ach so tolles System, dem wir ja so viel verdanken: eine blühende Parteienlandschaft, eine so gleich wie die andere. Mediokre Parteisoldaten, einer blutleerer und anämischer als der andere. Eine kompromissverkrüppelte Entscheidungslosigkeit, Jahr für Jahr. All das aber, so suggerieren uns die linksliberal- bis rechtskonservativen Einheitsmedien Tag für Tag, sind tolle Werte, die man am besten in die Welt exportieren sollte. Zwar führt man noch keinen Krieg in Mesopotamien wie die Amis, doch wäre es nicht schön, wenn der Nahe Osten oder Zentralasien nicht auch von unseren demokratischen Werten profitieren würde? Seltsam: Wenn Ägypter dann aber mal ganz demokratisch einen Präsidenten wählen, ist es uns auch wieder nicht recht. Kaum raufen sich ein paar Millionen Bürger zusammen und tun ihren Ärger kund, wollen wir den demokratisch gewählten Präsidenten gestürzt sehen und freuen uns, wenn dies dann tatsächlich auch geschieht. Warum ist das so?

Weil uns seine Nase nicht passt. Weil er Mohammedaner ist, und insgeheim ist uns das suspekt und macht uns beklommen. Ja, der Westen will schon demokratische Verhältnisse. Aber bitte mit dem richtigen Ergebnis! Es sollte schon eine westliche Marionette sein, bitte schön, etwa wie Mubarak oder Gaddafi. Solange sie am "Westen" orientiert sind, ist alles schon okay. Es gibt keinen Aufschrei darüber, dass Mohammad Mursi vom Militär gestürzt wurde. Das finde ich seltsam. Ich verteidige den bärtigen Radikalinski mit Sicherheit nicht, dafür ist er mir mit seiner stockkonservativen Paläo-Scharia-Geschichte viel zu verbohrt. Wer aber die Demokratie hoch hält, der sollte sich heute und in diesen Tagen für die Reaktion sämtlicher Medien schämen, die sich mal wieder vollkommen opportun verhalten und diejenigen hochjubeln, die die Macht haben. Demokratie aber ist ein Prinzip. Wer gewählt ist, hat die Macht. Es kann doch nicht sein, dass jemand vom Militär gestürzt wird, weil Menschen - nachvollziehbarerweise - gegen ihn auf die Straße gehen. Wo kämen wir hin, wenn das die Regel werden würde?

Ich halte von der Demokratie nicht übermäßig viel. Ich bin der Überzeugung, dass zu Zeiten der Belle Epoque, also im Wilhelminischen Zeitalter, die Menschen glücklicher waren als heute. Man stellt viel zu schnell eine Dichotomie her, nach der Diktatur, Gleichschaltung und Totalitarismus (also ein ganz und gar linker Staat) die Alternative zur Demokratie darstellen, was zwar hinsichtlich der deutschen Geschichte verständlich ist; trotzdem ist es aber falsch. Die Alternative zur Demokratie, also zur Diktatur des allenfalls semi-informierten Pöbels, ist keineswegs nur die Diktatur, sondern beispielsweise eine Monarchie, die auf den Fundamenten eines Rechtsstaates ruht, wie eben zu Zeiten Wilhelms II. Hier hatte man ein Parlament, einen starken Ministerpräsident (obwohl Caprivi und Bethmann Hollweg mit Bismarck natürlich nicht zu vergleichen sind), und einen über allem thronenden Hohenzollern, der den Weg vorgab. Die Zeit war weniger medioker, sie war ehrenvoller und klar hierarchisiert. 

Wie gesagt: Als jemand, der die Schwachstellen einer demokratischen Ordnung (mediokre Politiker, Sucht nach Wählerstimmen und dementsprechende Ausrichtung der Politik danach) klar sieht, kann ich es nur begrüßen, was in Ägypten vor sich geht, beziehungsweise es mit gleichgültiger Indifferenz betrachten. Wie aber Medien, die sich für gewöhnlich als Sturmgeschütze der Demokratie gerieren, nun plötzlich ganz und gar enthusiastisch-verklärt einen Militärcoup beklatschen, den sie unter anderen Umständen routiniert und entsetzt verurteilt hätten, ist schon ein ganz verheerendes und erhellendes Beispiel für das Phänomen der kognitiven Dissonanz. Tja: Es scheint eben doch schwerer zu sein als man denkt, konsequent zu seinen Prinzipien zu stehen.

Ich wünsche den Ägyptern, dass sie einen Präsidenten bekommen, gewählt oder nicht gewählt, der einen laizistischen Staat wiederherstellt oder etabliert, Religionsfreiheit gewährt, und das Land zu längst vergessener Blüte führt. Einer, der sich nicht zur Marionette von Obama und Kerry machen lässt, genau so wenig wie zu einer der Saudis oder der Iraner. Das ist unwahrscheinlich, aber nicht ganz unmöglich: Deshalb sollte man darauf hoffen.




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