Montag, 9. Dezember 2013

Ein postmoderner Etikettenschwindel: Die Verstümmelung Schillers auf dem Altar des Zeitgeists

Da ich gestern Abend in den zweifelhaften Genuss kam, Antú Romero Nunes' (mehr als freie) Interpretation von Schillers "Räubern" am Schauspiel in Stuttgart mitzuerleben, will ich hier ganz knapp einige Gedanken dazu abfassen. Zunächst würde ich jedem, der Sprache und Literatur, und vor allem die Sprache Schillers, schätzt, vom Besuch des Stückes abraten. Was hier in Stuttgart geboten wird, ist eine klamaukige Verstümmelung des Werks, eine auf mehreren Meta-Ebenen sich abspielende Veräppelung jeder Ernsthaftigkeit.

Von Schillers Text selbst bleibt allenfalls ein Bodensatz, ein Rumpf übrig. Das ist mir zu wenig. Als konservativer Theaterbesucher habe ich nämlich eine seltsame Angewohnheit: Wenn ich 30 Euro für Schiller bezahle, würde ich gern - und ich weiß, wie schrecklich naiv das ist - auch Schiller sehen. Ich will kein Stück von Armin Petras und schon gar keines von Antú Romero Nunes sehen. Wenn ein modernes, mit allerlei Fäkalinjurien und sich dem Zeitgeist anbiedernden Worthülsen ("Der Esel fickt sie alle" ~ Karl Moor) aufgeführt wird, sollte dies meiner Meinung nach eben auch so deklariert werden. Wurde es aber nicht. Es sollte Schiller gespielt werden - was man zu sehen und hören bekam, war aber nicht Schiller, sondern ein pseudo-intellektuelles, pseudo-selbstreflektiertes, schrecklick larmoyantes und selbstverliebtes Monologisieren in drei traurigen Akten. 

Paul Schröder alias Franz Moor (die erste Stunde), Aenne Schwarz alias Amalia (die zweite Stunde, bzw. etwas kürzer) und Paul Klammer alias Räuberhäuptling Karl Moor spielen jeweils separat alle Rollen gleichzeitig. Diese drei sind zwar ohne jeden Zweifel erstklassige Schauspieler. Vor allem Schröder ist virtuos - in welcher Geschwindigkeit und Leichtigkeit er in makellosem Schweizer Akzent einen hysterischen Kameraden Moors spielt, ist beeindruckend, genau so wie Klammers Bühnenpräsenz nicht zu verleugnen ist. Aenne Schwarz fiel hier etwas zurück - was aber auch an den wirren, völlig sinnfreien Texten liegt, die man ihr zugeschanzt hat. Der mittlere Part der Vorstellung ist somit auch der schwächste. 

Fürchterlich am Stück ist vor allem, wie versucht wird, sich dem jüngeren Publikum und dem Zeitgeist anzubiedern, gleichzeitig aber doch eine altertümliche, schillereske Sprache bemüht wird. Da wird einmal ein türkischer Halbstarker parodiert, der sich in den Schritt fasst, auf den Boden spuckt und kaum verständlich vor sich her brabbelt - im nächsten Moment wird "Wozu das itzt?" gefragt und im größten Schiller-Pathos von Abenteuern in den böhmischen Wäldern geschwärmt. Das alles passt nicht zusammen, ist mehr Parodie und Klamauk als echtes Theater, und gefällt mir überhaupt nicht.

Auch Paul Schröder tappt in diese Falle. Wobei mich gerade bei seiner Rolle interessiert hätte, wie viel er selbst bestimmen durfte. Alle drei Schauspieler jedenfalls scheitern letztlich daran, verschiedene Rollen gleichzeitig zu spielen. Gerade der zweifellos begnadete Schröder hüpft zeitweise so wirr und hysterisch auf der Bühne herum (einmal fällt er sogar mitsamt Stuhl von der Bühne!), dass man als Zuschauer völlig überfordert kapituliert - diesem Wirrstück ist zeitweise einfach nicht mehr zu folgen. Hier wäre weniger mehr gewesen.

An anderen Stellen aber wäre mehr mehr gewesen. Die Kulisse, Hergott! Was soll das? Achtzehntes Jahrhundert. Böhmische Wälder. Der alte Moor. Kostüme! Was hätte man daraus nicht alles machen können? Wie schön hätte man ein ruppiges, deftiges Saufgelage der Räuberbande inszenieren können. Doch nichts. Alles minimal und schrecklich modern. Der Zeitgeist ist auch ins Szenenbild gekrochen. Fantasielos und armselig muss sich der Zuschauer immer wieder selbst daran erinnern, in welcher Zeit und vor welchem Hintergrund das Stück eigentlich spielt. Wozu eigentlich die teuren Eintrittspreise, wenn nicht einmal ein anständiges Bühnenbild geboten wird. Ist das Ihre Art der Ironie, Herr Nunes?

Ich habe ein riesiges Problem vor allem mit der Rolle Michael Klammers, der Karl Moor spielt. In einer völlig verqueren Meta-Ebene spricht er das Publikum direkt an, nennt es "Eddy" (sic!). Warum? Er monologisiert eine geschlagene halbe Stunde über den Sinn des Lebens, des Theaterspielens. Darüber, wie man den Karl Moor überhaupt noch spielen kann, denn es habe ja alles schon gegeben. Die besten Schauspieler hätten diese Rolle ja schon in allen Varianten gespielt. Außerdem, so Karl Moor (bzw. Michael Klammer), habe er gerade keine Lust. Was die Zuschauer sowieso hier machten? Warum sie auf die abwegige Idee kämen, Schiller sehen zu wollen, fragt der Schauspieler? 

Diese Art der Kommunikation mit den Zuschauern sollte besonders intelligent sein, besonders provokativ und originell. Sie kam wohl auch - wie das Stück an sich - bei einem Großteil des Publikums ganz gut an. Bei mir nicht. Es war grauenhaft. Ich fragte mich tatsächlich, warum ich überhaupt ins Schauspiel gehe um mir Schiller anzusehen, wenn ich stattdessen ein niveauarmes Potpourri aus Michael Klammer vs. Romeo Nunes zu sehen bekomme. Dafür aber hatte ich nicht gezahlt. So streift der selbstdeklarierte "Pfau" Karl Moor eine ganze Weile auf der Bühne umher und belästigt den Zuschauer mit Trivialitäten auf der Meta-Ebene, parliert über den Maya-Kalender, den Sinn des Lebens, sein Glied - sogar Baywatch und Pamela Anderson werden zitiert. Nichts ist in diesem Stück niveaulos und ordinär genug, alles ist erlaubt. Das Motto dieser Inszenierung war ganz offensichtlich, das Erbe Schillers so tief wie möglich durch den Dreck zu ziehen.

Einen kleinen Überraschungseffekt hält die Aufführung gegen Ende dann aber doch noch bereit. Nachdem Karl Moor aufwieglerisch seine Schwüre von der Bühne herab skandiert, antwortet ihm unverhofft das Publikum: in diesem nämlich sitzen seit Beginn der Aufführung versprenkelt Schauspieler des Ensembles, die sich bis dahin wie ganz normale Zuschauer verhalten hatten. Dieser Effekt ist wirklich beeindruckend. Schließlich stürmen sie auf die Bühne. Das Heer der schwarz vermummten Räuberbande, das, nun etwa 30-köpfig, Moors Parolen anstimmt, ist beklemmend und hat Züge eines Massenaufmarsches der NSDAP. 

Effekte sind aber leider das einzige, was diese Inszenierung halbwegs rettet. Der begeisterte Applaus aus dem Publikum (es befanden sich viele Schulklassen im Auditorium) ist vieldeutig. Die Schauspieler haben ihn verdient. Sie haben die Rollen nicht geschrieben. Regisseur und Intendanz verdienen ein Konzert der Buh-Rufe. Der Hanswurst neben mir, der sich, weil er so originell und authentisch ist, sich die Strümpfe über die Hose gezogen hat, bricht in Begeisterungsstürme aus und pfeift mit den Fingern. Wahrscheinlich ein ganz großer Kenner. Da geht mir ein Licht auf: Das Stück wurde für halbgebildete Affen wie ihn geschrieben.

Heute muss man wahrscheinlich schon froh sein, wenn im Theater nicht alle nackernd rumlaufen und Hakenkreuze auf dem Bauch herumtragen. Das Autorentheater ist nun mal ein Elend, mit dem man sich als Konservativer, der Sprache und Literatur in ihrer Reinform liebt, auseinandersetzen muss. Schade nur, dass der Etikettenschwindel so massiv um sich greift und man nicht vorher weiß, man bekommt. Jeder sollte jedenfalls zumindest für diese Saison wissen, dass man im Stuttgarter Schauspiel nicht "Die Räuber" von Schiller sehen kann, sondern ein postmodernes, namen- und konturloses Stück von Antú Romero Nunes. 

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