Samstag, 15. März 2014

Stefan Kaufmann: Einsamer Rufer in der Wüste der schwulenfeindlichen Landes-CDU

Einen interessanten und erhellenden Artikel über die Hirnaktivitäten mancher Mitglieder der Baden-Württembergischen Landes-CDU ist heute in der Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung erschienen. Darin geht es um den Bildungsplan der Landesregierung, der ja hohe Wellen geschlagen hat und in dem es bekanntermaßen um den Umgang mit Homosexualität bzw. sexueller Vielfalt im Schulunterricht geht.
Zu Wort im Beitrag kommen unter anderem der offen homosexuelle Kreisvorsitzende (meines Wahlkreises Stuttgart-Süd) und Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann sowie – pikanterweise – sein Stellvertreter Karl-Christian Hausmann, der offenbar am Wochenende anlässlich einiger Demonstrationen gegen das Vorhaben in der Stuttgarter Innenstadt bei der Veranstaltung “Schützt unsere Kinder” teilnahm. Bei diesen Demonstrationen traten, so die StZ online, vorwiegend “erzkatholische” und “konservative” Redner auf sowie auch ein Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD), der ich im September meine Stimme bei der Bundestagswahl gab.
Wer sich ein Bild von den Demonstrationen machen will, sollte die äußerst lesenswerten Berichte in der StZ lesen; sie vermitteln ein sehr ausgewogenes Bild der Faktenlage und zeichnen zudem ein sehr interessantes Bild vom Zustand der Landes-CDU, die sich als Sammelbecken für homophobes Gedankengut entpuppt, während sie sich gleichermaßen, wie es auch bei fremdenfeindlichem Gedankengut oftmals Usus ist, hinter Phrasen wie “wertkonservativ” und “katholisch” versteckt. Dies ist ein schändlicher Gebrauch dieses Vokabulars, denn es beschmutzt und verfälscht den Ruf wahrer Wertkonservativer und Katholiken, die das Wort Jesu Christi ernst nehmen und mit der intoleranten Attitüde der Ewiggestrigen nichts zu tun haben wollen.
Zitiert wird im Artikel also Stefan Kaufmann, der offen schwul lebt und deshalb meinen höchsten Respekt verdient hat. Denn schwul sein bedeutet heutzutage immer noch: Anfeindungen, Klischees, Ausgrenzung etc., das ist zumindest mein Eindruck als Heterosexueller, der keinerlei Abwehrreflexe gegenüber Schwulen verspürt. Kaufmann sagt im Artikel: „Lesbisch oder schwul ist man; Sexualität lässt sich weder an- noch aberziehen. Das hat im Oktober erst der Weltärztebund auf Initiative der Bundesärztekammer festgestellt.“ Es ist bezeichnend, dass Kaufmann hier den Weltärztebund zitieren muss, um ein völlig banales Stück Allgemeinwissen auszusprechen. Es gibt nämlich immer noch zahlreiche Betonköpfe, die glauben (oder glauben wollen), Homosexualität sei ein selbst gewählter Lifestyle. Die eine (wissenschaftliche) Autorität brauchen, um davon überzeugt zu werden, dass dem nicht so ist. Es reicht ihnen, den Betonköpfen, nämlich keineswegs, dass Schwule es ihnen einfach sagen, denn sie sind ja schwul und somit nicht glaubwürdig.
Doch so viele Autoritäten auf wissenschaftlichem Gebiet man auch zitieren mag – Sozialwissenschaftler, Mediziner, Psychologen, Sozialpsychologen oder Pädagogen – wer Betonkopf ist und dogmatisch, oder wer einfach Menschen hasst, weil sie anders sind als das Rudel oder anders sind als man selbst, wird von wissenschaftlichen Fakten wohl genau so wenig überzeugt werden wie von dem Argument, dass man einfach tolerant um der Toleranz willen sein könnte und andere Menschen leben lassen könnte, wie sie es wollen.
Denn darum geht es eigentlich in der Initiative der Landesregierung. Es geht nicht darum, Männer zu Frauen umzuerziehen, genauso wenig wie es darum geht, die traditionelle Mutter-Vater-Kind-Familie aufzulösen. Es geht schlicht darum, Kindern zu zeigen, dass Sexualität vielfältig ist. Dieses Vorhaben ist an sich in etwa so gefährlich, als brächte man Kindern bei, dass es neben Deutschen auch Franzosen und Italiener gibt. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Das ist es aber leider nicht, und umso wichtiger ist es, dass diese Gesetzesvorlage schnellstmöglich verabschiedet wird.
Es gibt heterosexuelle, verheiratete Männer, die Angst vor Schwulen haben. Sie bekommen Erektionsprobleme, wenn sie Schwule sehen; sie fühlen sie körperlich bedroht. Sie haben Beklemmungen und Schwächeanfälle. Ihre Reaktion ist eine Abwehrhaltung und eine diffuse Feindseligkeit. Sie bezeichnen sich fälschlicherweise als “konservativ” und als “Katholiken”, dabei sind sie einfach ängstliche, geistesenge Spießbürger mit Gartenzwergern vor der Haustür und Tapete an der Wand. Solche Menschen gibt es nicht? Ich übertreibe? Nein, ich übertreibe nicht. Wer sich die Vehemenz der Demonstrationen vor Augen hält, die jedes Maß, jede Verhältnismäßigkeit vermissen lassen, kann nur zu dem Schluss kommen, dass der Hass auf Fremdartiges und von der Norm abweichendes Verhalten und der Hass auf die Menschen, die dieses Verhalten verkörpern, uferlos ist.

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