Mittwoch, 14. Januar 2015

Emmanuel Todd: Ein einsamer Prophet

Wer im Januar 2015 den Namen Emmanuel Todd noch nicht kennt, hat etwas falsch gemacht.

Der französische Intellektuelle (Demograf und Historiker) spricht aus, was viele denken. Er benennt die EU als das, was sie ist: Ein hierarchisch strukturiertes Wirtschaftsimperium unter deutscher Hegemonie. Jenseits der oberflächlichen Analysen der konfliktscheuen deutschen und europäischen Leitmedien, die blind das "Friedensprojekt Europa" beschwören, liest Todd zwischen den Zeilen und stellt nüchtern fest, dass Deutschland sein Visiert geöffnet hat. 

Hinter diesem kommt die historisch allzu bekannte häßliche Fratze zum Vorschein, die die Unterwerfung des europäischen Kontinents im Blick hat - weiland militärisch, heute durch die klinische Präzision seiner Werkzeugmaschinen, Automobile und seiner chemischen Industrie.

Die wirtschaftliche Dominanz der BRD spaltet Europa, resultiert in Massenarbeitslosigkeit und Ressentiments gegenüber den Deutschen. Sie ist erschwindelt durch den sozialen Kahlschlag der Schröderjahre ("Strukturreformen"), Dumpinglöhne und einen Euro, der den Export begünstigt und die Binnennachfrage erstickt.

 In einem bemerkenswerten Interview mit dem Blogger und Journalisten Olivier Berruyer, das auch auf Englisch vorliegt, fächert Todd seine Gedanken auf und entwirft eine europäische Dystopie, die beklommen macht. Das Gespräch ist ein must-read und meiner Ansicht nach elementar zum Verständnis Europas im Jahr 2015. Es enthält darüberhinaus hochbrisante Passagen zur deutschen Rolle im Ukraine-Konflikt. 

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