Mittwoch, 21. Januar 2015

Unter der Gürtellinie: Jürg Altweggs Versuch, Tariq Ramadan zu diskreditieren

Die Frankfurter Allgemeine hat in ihrer Online-Ausgabe einen Artikel ihres Genfer Korrespondenten Jürg Altwegg veröffentlicht, in dem dieser den schweizer Intellektuellen Tariq Ramadan bezichtigt, sein "wahres Gesicht" gezeigt zu haben. Kommentare zu dem tendenziösen Artikel sind nicht zugelassen; eine Praxis, die sich die Online-Redaktion der F.A.Z. bereits für ihre gesamte Berichterstattung über den Ukraine-Konflikt vorbehalten hat. 

"Lange war der französische Intellektuelle Tariq Ramadan schwer einzuschätzen: Ist er dem Dialog zwischen Westen und Islam offen oder schürt er Vorurteile? Nun offenbart er sein wahres Gesicht." So leitet Altwegg seinen Artikel ein. Wie aber begründet er seine Aussage, Ramadan zeige sein "wahres Gesicht"? Altwegg stützt seine These auf eine Untersuchung der westschweiter Tageszeitung "Le Temps", die die Äußerungen Ramadans seit dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" vor zwei Wochen analysiert hat. Das Problem: Fast alles, was Ramadan bislang äußerte, ist vernünftig und nachvollziehbar. 

Auf seinem Facebook-Account verurteilte er die Attentate entschieden, unmißverständlich und postwendend. Dem Westschweizer Fernsehen sagte er, sei nicht "Charlie" und unterstellte dem Blatt einen feigen Humor. Dies hatte er bereits nach dem ersten Anschlag auf das Magazin im Jahr 2011 getan. Ramadan vertritt hier zwar eine Minderheitsmeinung, steht mit dieser aber auch in den französischen Medien durchaus nicht allein da. In der Debatte in der amerikanischen Politsendung "Democracy Now" wies Ramadan darauf hin, dass "Charlie Hebdo" seit zwei Jahren pleite gewesen sei, seinen (mageren) Umsatz mit verletzenden Karikaturen verdient habe. Zudem gab er zu bedenken, dass ein Mitarbeiter des Magazins erst vor wenigen Jahren wegen angeblich antisemitischer Zeichnungen entlassen worden sei.

Gerade diese Argumente treffen einen wunden Punkt bei all den Jubelpersern, die die Zeichnungen von "Charlie Hebdo" und das Recht auf Meinungsfreiheit in den letzten Tagen verteidigten. Sie übersehen oder ignorieren die Tatsache, dass "Charlie Hebdo" selbst durch die Entlassung ihres Mitarbeiters und die permanente Weigerung, Witze über Juden abzudrucken, sich einer tiefen Doppelmoral schuldig machte.

Auch Glenn Greenwald verdeutlichte jüngst in einem bei "The Intercept" erschienenen Artikel die pathologische Doppelzüngigkeit der französischen Eliten, die tagsüber schmarotzerhaft das Recht auf Meinungsfreiheit wie eine heilige Monstranz vor sich hertragen um dann, sobald es dunkel wird, Dutzende Staatsbürger unter dem Vorwand, sie befürworteten Terrorismus, festnehmen zu lassen. Der Komiker Dieudonné war einer von denen, die festgenommen wurden. Er hatte sich in der Vergangenheit antisemtisch geäußert - eine zwar unschöne Tatsache, die aber, genau wie die Zeichnungen bei Charlie Hebdo, vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt sein müssten. Zumindest in einem intakten Rechtsstaat. In Frankreich ist das derzeit anders.

Schließlich äußerte Ramadan dem Sender Al-Jazeera gegenüber, er habe Zweifel, was die Identität der Täter angehe - eine Stellungnahme, die angesichts der Faktenlage tatsächlich etwas schräg wirkt, mehr aber auch nicht. Für Jürgen Altwegg von der F.A.Z. reicht eine nicht ganz nachvollziehbare Äußerung aus, um einen der angesehensten frankophonen Intellektuellen zu diskreditieren. Eine Äußerung von Hunderten, die der Intellektuelle Ramadan wohl allein in diesem Monat in allen möglichen Medien getätigt hat. "Mit seinen derartigen (sic!) Reaktionen auf die Attentate zeigt Tariq Ramadan wohl endlich (sic!) sein wahres Gesicht", schreibt Altwegg. Offenbar nimmt Altwegg also nicht nur an der letzten, sondern auch an den Anderen Äußerungen Anstoß. 

Aber weshalb? Weil jemand auf die offenkundige Doppelmoral  westlicher Medien hinweist, die Mohammed-Karikaturen, so vulgär und degoutant sie auch sind, beklatscht, während Autoren von vage antiisraelischen oder antisemitischen Texten postwendend und ohne mediales Aufsehen vor die Tür gesetzt werden? Ramadan hat die Anschläge aufs Schärfste verurteilt, gleichzeitig den Finger in die Wunde der französischen Gesellschaft und deren Medien gelegt. Was, wenn nicht diese Differenziertheit, darf man von einem wahren Intellektuellen eigentlich erwarten?

Jürg Altwegg hat das nicht verstanden, oder wollte es nicht verstehen. Sein Artikel spricht in seiner defamatorischen Einseitigkeit Bände - und offenbart, wenn überhaupt, sein wahres Gesicht. Ihm zufolge zeigt jemand sein "wahres Gesicht", wenn er eine rationale Mittelposition einnimmt und nicht in den Chor der "Je suis Charlie"-Harmonie einstimmen will. Dass die F.A.Z. ihrem Autor dieses polemische Moslem-Bashing zugesteht, ist bedauerlich, passt aber andererseits zur reaktionären Ausrichtung des Blattes.




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